Dr. Herbert Reckmann, FSuB e.V.
Pädagogische und gesellschaftliche Potenziale
freier Software am Beispiel von Linux
Guten Tag, meine sehr verehrten Damen und Herren,
Erlauben Sie mir, mit einer Alltagsepisode zu beginnen. Stellen Sie sich vor,
wir sind auf dem Wochenmarkt und wollen einkaufen. Unsere Geldbörse wäre
einigermaßen gefüllt, wir könnten unbeschwert die Waren für den Wochenbedarf
aussuchen.
Wenn uns nun dort ein Produkt angeboten würde, das nichts kostet, ja das uns
nahezu aufgedrängt, geschenkt übergeben würde, würden wir in Zweifel geraten
und uns fragen, ob diese Ware wirklich gut sein kann. Wir alle haben als
kritisch-aufgeklärte Konsumenten gelernt, "Was nichts kostet, ist auch nichts".
Wir alle wissen, dass zur Herstellung von Gütern Ausgangsmaterialien
eingesetzt werden müssen und dass wir für Arbeitsleistungen, die wir in
Anspruch nehmen, bezahlen müssen. Daher ist unsere Meinung "Was nichts kostet,
ist auch nichts" in der Regel begründet.
Auch im Bereich der Computersoftware haben wir uns daran gewöhnt, dass wir für
Betriebssysteme und Anwendungsprogramme etwas zu zahlen haben und dass der
Preis in Relation steht zum Umfang der Leistungen des Programms.
Wenn also freie Software -wie GNU/Linux es ist- beworben wird mit dem
Argument, es sei kostengünstig, nahezu kostenfrei, wenn es beispielsweise auf
CD-ROM gepresst einer Computerzeitschrift beigelegt wird, verbinden viele
damit die Vorstellung, dass das, was auf der Scheibe gebrannt vorliegt, doch
wohl nichts Hochwertiges sein könne. Aber ist dies wirklich so?
Wir sollten genauer hinschauen und Hard- und Software Produkte unterscheiden.
Während für die Herstellung eines Computers kostenaufwändig Material und
Personal eingesetzt werden muss und kapitalintensive komplizierte maschinelle
und chemische Herstellungsprozesse notwendig sind, kann Software ohne großen
Aufwand gedanklich logisch entwickelt werden. Schauen wir einem Programmierer
über die Schulter, beobachten wir seine Arbeit, so stellen wir fest, dass er
die Programme "im Kopfe, im Geiste" entwickelt und die Ergebnisse der
Gedankenarbeit aufschreibt und sie auf Festplatte oder anderen Medien
abspeichert und kopiert.
Die Qualität eines so entwickelten Programmes ist nicht von
kostenverursachenden Faktoren abhängig. Allein die Kompetenz und Kreativität
des Programmierers bestimmt die Güte des Programmes. Im Gegensatz zu
materialen Gütern, wie beispielsweise Computerhardware, wo die Herstellung
eines jeden neuen Einzelstückes zu zusätzlichem Materialverbrauch führt und
erneuten Kapitaleinsatz erfordert, kann Software verbrauchslos vervielfältigt
(kopiert) werden und somit fast kostenfrei weitergegeben werden. Die
Produktion von Software ist also die Herstellung eines immateriellen Gutes,
das Ergebnis kreativer Gedankenarbeit.
Die Entwicklung von Software ist vergleichbar mit der Komposition eines
Musikstückes oder eines Liedes, dessen Text schriftlich fixiert und dessen
Melodie durch Noten dargestellt wird. Als Mitglieder einer Kulturgemeinschaft
kennen wir Lieder und Melodien, die wir als Kind gehört und gelernt haben. Von
der älteren Generation werden sie der jüngeren überliefert. Wir bezeichnen
diese Musik mit den Begriffen Volkslied, Volksweise oder Volksmusik. Es ist
ein Wissen und ein Können, das wir uns kostenfrei aneignen, da es als
Gemeingut Teil unseres Umfeldes ist, in dem wir aufwachsen.
Von Vertretern des Konzeptes freie Software wird die Entwicklung von
Programmen ähnlich verstanden als Erstellung von Gemeingut. Software wird
begriffen als Wissen zur computerbasierten Verarbeitung von Wissen
(Information, Daten, Messwerte), das von Programmierern entwickelt und allen
Interessierten frei zur Verfügung gestellt wird.
Solches Wissen zur computerbasierten Verarbeitung von Wissen ist
alltagspraktisch von großem Nutzen und kann Basis ökonomischen Handelns sein.
Ich will dazu Beispiele geben und das Gemeingut Volkslied/Volksmelodie mit
freier Software vergleichen:
Volkslieder, also die Texte und die Noten, die die Melodie bezeichnen,
können gesammelt werden und veröffentlicht werden. Solche Lied- oder
Melodiesammlungen kennen wir alle, sie werden als Buch zu Marktpreisen
verkauft.
--> Dies ist vergleichbar mit der Zusammenstellung einer Sammlung freier
Programme. Wir bezeichnen Softwaresammlungen mit dem Begriff Distribution.
Zum Beispiel verkaufen die Firmen SuSE, Mandrake solche Sammlungen auf
CD-ROM.
Volkslieder oder Melodien könnten von einem Chor aufgeführt werden. Für die
Vorstellung könnten Eintrittsgelder verlangt werden. Es ist also möglich,
auf der Basis des Freien Gutes "Volksmelodie" Dienstleistungen zu erbringen,
die ökonomisch einträglich sein können.
--> Auf der Basis freie Software können IT-Fachfirmen Dienstleistungen
anbieten und daran verdienen. Oder ein Dozent einer Volkshochschule könnte
Linux-Kurse anbieten, mit dieser Erwerbsarbeit könnte er seinen
Lebensunterhalt verdienen.
Ökonomisch einträglich kann es sein, die für die Aufführung von
Volksmelodien notwendigen Musikinstrumente herzustellen.
--> Dies ist vergleichbar mit der Herstellung von Hardware (PCs), auf
denen freie Software eingesetzt werden kann, zum Beispiel MP3-Player.
Freies Wissen -wie beispielsweise ein Volkslied-, das den Mitgliedern einer
Kultur zur Verfügung steht, das weiterentwickelt und frei weitergegeben wird,
könnte man als Kollektiveigentum bezeichnen. Freie Software ist mit diesem
freien Wissen einer Kulturgemeinschaft vergleichbar. Es ist Spezialwissen zur
computerbasierten Verarbeitung von Wissen und Informationen, das allen offen
zugänglich ist und von jedem, der Programmierkenntnisse hat, verändert,
verbessert und weitergegeben werden kann.
Volker Grassmuck hat in seiner Analyse "Freie Software - zwischen Privat- und
Gemeineigentum" (2002 veröffentlicht) das historische
Kollektiveigentumskonzept der Allmende gewählt, um es als Kontrastfolie zur
Analyse des Eigentumbegriffs im Bereich der digitalen Medien zu nutzen zur
Schärfung der Problemsicht der rechtlichen Ordnung digital gefassten Wissens.
Unter Allmende (altd. al[gi]meinida) werden gemeinschaftlich genutzte Natur
Räume verstanden, die von einer Siedlungsgruppe bewirtschaftet werden. Die
Gruppe bestimmt in ihrem Siedlungsgebiet eine Landfläche als gemeinsam zu
nutzendes Eigentum. Um es beispielsweise als Weideland für das Vieh der
Familien zu nutzen, um Flüsse und Seen als Fischgrund oder Wälder und Heide
für die Jagd zu nutzen. Dieses Eigentumskonzept der Allmende war auch im
deutschsprachigen Raum weit verbreitet; in Preußen bis 1821, in Süddeutschland
bis ins 20. Jahrhundert.
Die Allmende --im angelsächsischen Bereich als "public commons" bezeichnet--
war als natürliches materiales Eigentum gefährdet, denn der Reichtum des
Agrargrundes, der Gewässer und des Waldes war endlich und begrenzt. Es konnte
übermäßig genutzt, durch Überweidung und Überfischung zerstört werden. In der
vielbeachteten Analyse von Garret Hardins Analyse wurde deshalb von der
"Tragödie" oder dem "Dilemma" der Allmende gesprochen. Die individuelle
kurzfristigen Nutzenoptimierungen der einzelnen Mitglieder der
Siedlungsgemeinschaft führten zu Überstrapazierung und zum Kollaps der
natürlichen Ressourcen.
Zur Charakterisierung, Kontrastierung der Eigentumskonzeption des Gutes Freies
Wissen lässt sich das historische Konzept Allmende gut nutzen; wichtigste
abweichende Charakteristika sind:
Software ist ein immaterielles Gut. Das heißt, sie ist nicht endlich im Sinne
des Verbrauchens oder der Zerstörung durch Übernutzung. Freies Wissen kann
weitergegeben, multipliziert werden. Je mehr Personen es besitzen und es
nutzen, desto größer ist die Chance seines Kopierens, des Weitergebens und der
Vervielfältigung. Die immaterielle Allmende ist also nicht durch Übernutzung
gefährdet.
Eine weitere Eigenschaft Freier Software ist ihre Fungibilität; unter den
Bedingungen der elektronisch-digitalen Vernetzung durch Internettechniken kann
sie leicht weitergegeben, transportiert, vervielfältigt werden.
Dennoch, auch die immaterielle Allmende Software ist gefährdet. Trotz
Unverbrauchbarkeit kann das Gut Freie Software Schaden nehmen: Da Software
ständig weiter zu entwickeln ist, das immaterielle Gut den neuen Gegebenheiten
immer wieder angepasst werden muss, müssen wichtige Vorbedingungen zu seiner
Fortentwicklung erfüllt sein. Es müssen Infrastrukturbedingungen gegeben sein,
die seiner Weiterentwicklung dienlich sind:
Personen müssen ausgebildet, qualifizierter werden, mit Programmierkenntnissen
ausgestattet werden.
Es muss sichergestellt werden, dass die kreative Leistung der Programmierer
dem gemeinsamen Projekt freier Software zur Verfügung gestellt wird.
Wie Sie alle wissen, ist Linux freie Software vor allem von jungen
Wissenschaftlern erarbeitet worden. Sie arbeiteten als Studenten oder
wissenschaftliche Mitarbeiter an Forschungsinstitutionen von Universitäten
oder Firmen. Sie entwickelten den Code in einem arbeitsteilig organisierten
Verfahren weltweiter Vernetzung. Über das Internet haben sie den Quellcode
zusammengetragen im Geiste eines freien wissenschaftlichen Austausches und
partnerschaftlicher Kooperation. Sie folgten damit der bewährten -auch "alten"
europäischen- Tradition des "Wissenskommunismus" der Wissenschaften und
schufen die immaterielle Allmende Freie Software.
Eine Gefährdung der Allmende könnte in der Beeinträchtigung und Zerstörung der
produktiven Infrastruktur liegen. Wenn die Freiheit der Wissenschaft
eingeschränkt würde und externe Mächte direkten Einfluss und Kontrolle ausüben
würden, könnten die Bedingungen der Kooperation und freien Produktion
beeinträchtigt werden.
Aktuelle Gefährdungsmomente ergeben sich aus den Bestrebungen, die
Patentierung von Software auch auf europäischer Ebene zuzulassen. Der freier
Austausch und die Nutzbarkeit von Softwarecode würde behindert und an
Eigentums- und Verwertungsinteressen von Unternehmen geknüpft werden. Die
bisher in relativ informellen Zusammenschlüssen arbeitenden
Entwicklungsgruppen -- beispielsweise das Kernteam, die Maintainer als
Hauptverantwortliche -- könnten nicht mehr so frei agieren. Jede
Neuentwicklung müsste daraufhin überprüft werden, ob die Codesequenz nicht
bereits zum Patent angemeldet worden ist, wie beispielsweise der Mausklick bei
der online Bestellung von Waren oder der Fortschrittsbalken, der über den
Fortgang der Installation informiert.
Auch die spezielle Linux-Lizenz, "Copyleft" genannt, die zur rechtlichen
Sicherung Freier Software entwickelt wurde, kann nur begrenzt wirksam sein. Es
ist die "GNU General Public License" (GPL), die von Richard Stallmann in
Zusammenarbeit mit juristischen Beratern der Free Software Foundation (FSF)
entwickelt wurde. Mit ihr wird die Absicht verfolgt, "... Freiheit
abzusichern, freie Software zu teilen und sie zu verändern - um
sicherzustellen, dass die Software für alle ihre Nutzer frei ist" (V.G.282)
Sie kann letztlich restriktive oder gar zerstörerische Wirkungen der
Softwarepatentierung nicht verhindern.
Aber noch ist die endgültige Entscheidung im Europäischen Parlament und im
Ministerrat nicht getroffen. Wir können nur hoffen, dass die ausgesprochen
dynamische Entwicklung freier Software, wie wir sie in den letzten Jahren
erlebt haben, weiter positiv verläuft.
Der gesellschaftlichen Nutzen freien Wissens ist hoch: freie Software ist die
Basis für den Umgang mit elektronisch-digital codiertem Wissen und unter
ökonomischer Perspektive betrachtet, eine valide, verlässliche und sichere
Grundlage privatwirtschaftlich motivierten Handelns. Große IT-Firmen, wie IBM,
Novell, Sun nutzen freie Software für ihre Geschäfte und unterstützen aus
eigenen Geschäftsinteressen die Weiterentwicklung.
Die Entwickler von Linux verstehen Open Source Software als freies Wissen in
dieser alltagsüblichen Selbstverständlichkeit. Es wird als nützliches
Basiswissen begriffen. Das Wissen "Software" benötigen wir für die Abwicklung
unserer alltagskulturellen Belange. Inzwischen stützen wir uns in nahezu allen
Lebensbereichen auf computerbasierte Verarbeitungsprozesse von Wissen und
Informationen. Der Computer ist also Teil der Lebensprozesse geworden, wir
sprechen deswegen häufig von der Informationsgesellschaft.
Für das Leben in einer elektronisch digitale bestimmten Welt benötigen wir das
Wissen "Software" tagtäglich. Philosophisch betrachtet liegt darin der besondere
Wert - die gesellschaftliche und bildungstheoretische Relevanz Freier Software.
Es ist wichtiges Wissen zur computerbasierten Verarbeitung von Wissen und
Information.
Es muß jeder/m möglichst frei und ohne Einschränkung zur Verfügung stehen. Es
muss jeder/m möglich sein, das Wissen weiter zu entwickeln, es an neue
Bedingungen anzupassen. Absolute Offenheit und Freiheit zur Veränderung und
Verbesserung des Wissens muß gegeben sein. Nur so können die über elektronisch
digitale Operationen abgewickelten Lebensprozesse frei gehalten werden von
Reduktionen und Verkürzungen. Das Freie Gut Software - die Allmende des
Wissens zur Verarbeitung von Wissen - wäre gefährdet, wenn es der Gemeinschaft
entzogen und privatwirtschaftlich angeeignet würde.
Die Fassung des immateriellen Gutes Software als Ware würde nämlich bedeuten,
dass es über Preise limitiert würde, es nicht jedem zugänglich wäre. Auch
würde die Verfügung über Strukturierung der Ware beim Produzenten bzw.
Eigentümer der Software liegen und somit das Recht und die Macht zur Steuerung
der Weiterentwicklung und Veränderung der Software bei ihm liegen.
Mit dem Selbstverständnis freie Software als Teil des Wissens, das im
natürlichen Lebensvollzug einer durch elektronisch-digitale Netzwerke
bestimmten modernen Welt entwickelt wird, ist die Forderung der Gestaltung des
Zusammenlebens nach nicht-pekuniären Kriterien verbunden. Prominente Vertreter
der OpenSource Bewegungen bestehen darauf:
Zitat:
"Der fundamentale Akt von Freundschaft unter denkenden Wesen besteht darin,
einander etwas beizubringen und Wissen gemeinsam zu nutzen. Dies ist nicht
nur ein nützlicher Akt, sondern es hilft, die Bande des guten Willens zu
verstärken, die die Grundlage der Gesellschaft bilden und diese von der
Wildnis unterscheidet. Dieser gute Wille, die Bereitschaft, unserem Nächsten
zu helfen, ist genau das, was die Gesellschaft zusammenhält und was sie
lebenswert macht. Jede Politik oder jedes Rechtssystem, das diese Art der
Kooperation verurteilt oder verbietet, verseucht die wichtigste Ressource
der Gesellschaft. Es ist keine materielle Ressource, aber es ist dennoch
eine äußerst wichtige Ressource." (Richard Stallmann, Klappentext: Volker
Grassmuck "Freie Software", Bonn 2002)
Dieses andere Umgehen mit Wissen - das Erhalten einer intakten Infrastruktur
zu seiner Entwicklung und seine freie Vermittlung in Erziehung und Bildung -
wird auch in der eigenen Arbeitshaltung der Schöpfer freier Software deutlich.
In der Analyse von Pekka Himanen "Die Hacker-Ethik und der Geist des
Informations-Zeitalters" (New York 2001) wird nachgezeichnet, was die
Entwickler motiviert, in welch anderem Verständnis von Arbeit und Freizeit sie
leben. Der freie Informationsaustausch und die Freude an kreativer Arbeit
bezeichnen eine neue Ethik, die Arbeit und Leben "jenseits der
Lohngesellschaft" (Andre Gorz "Arbeit.." S.102ff) bestimmen könnte, also ein
Modell für zukünftige Strukturierung und Steuerung unserer Lebens und der
Arbeitsverhältnisse sein kann.
Es ist eine philosophische Leistung der OpenSource Bewegung, Software als
Wissen zu begreifen, als spezielles Wissen, das gesellschaftlich bedingt ist,
in einer Kulturgemeinschaft entsteht und der alltäglichen Praxis verpflichtet
ist. Dieser Denkansatz ist jedoch zugleich auch sehr abstrakt und abgehoben
von den alltäglichen Problemen, die in der Praxis der Pädagogen Bedeutung
haben. Um einen weniger abstrakten, einen konkreteren Bezug der Untersuchung
zu gewinnen, müssen Analysedimensionen gefunden werden, die der Praxis des
Pädagogen näher kommen. Dies können die Fragen der Bestimmung von
Unterrichtsinhalten, also der curricular-didaktische Aspekt des Lehrerhandelns
und die Alltagsprobleme der Gestaltung von Unterricht sein.
Eine sehr interessante erziehungswissenschaftliche Analysekategorie, die dem
Wissensbegriff sehr nahe kommt, ist das Konzept des "Klassifikations- und
Vermittlungsrahmens". Dieser analytische Ansatz wurde von Basil Bernstein (um
1970) entwickelt. In mehreren Aufsätzen zur Sozialisationstheorie hat er
diesen Ansatz entfaltet.
Er weist daraufhin, dass vor allem im kontinentaleuropäischen Bereich so
genannte "geschlossene Codes" vorliegen, während in den angelsächsischen
Ländern, vor allem USA "integrative Codekonzepte" das Unterrichtsgeschehen
bestimmen. "Geschlossene Codes" bewirken, dass Unterrichtsinhalte streng
fachlich definiert werden und von anderen Fachdisziplinen abgegrenzt werden.
Dies führt zu fachspezifischen Sozialisationsverläufen. Personen, die im
Konzept des "geschlossenen Codes" ausgebildet wurden, bilden unterschiedliche
Identitäten aus und grenzen sich über Fachzugehörigkeit tendenziell
gegeneinander ab.
Integrative Codes lassen eine freiere Auswahl von Inhalten zu. Typisch dafür
ist der Projektunterricht, in dem beispielsweise die Fachgrenzen von Physik,
Biologie und Sozialwissenschaft überschritten werden müssen, um ein Problem zu
bearbeiten. Hier wird fächerübergreifendes Lernen ermöglicht.
Das Problem, die Frage der Auswahl von Inhalten, wird in der
Erziehungswissenschaft auch mit den Fachbegriffen "geschlossene Curricula"
versus "offene Curricula" angesprochen. Eng damit verknüpft sind die
pädagogisch relevanten Begriffe der "Fremdsteuerung" vs. "Eigensteuerung" im
Lernprozess. Eine offene curriculare Konstrktion läßt je nach vorliegendem
Problem bzw. Lernsituation unterschiedliche Verfahren der Aneignung zu. Im
Gegensatz zum traditionellen Frontalunterricht, der bevorzugten Methode des
"geschlossenen Curriculums", wird in offenen Curriculare
Unterrichtskonstruktionen selbstreguliertes Lernen ermöglicht.
Zur Klärung der Frage, wie der Einsatz freier Software Unterricht verändert,
wäre auch die didaktische Kategorie "Unterrichtsskript" bedeutsam. Unter einem
Unterrichtsskript versteht man eine ganzheitliche Dramaturgie der Steuerung
von Unterricht. Vergleichbarer mit einem Drehbuch, das alle einzelnen Elemente
und Bewegungen miteinander verknüpft. In der Skriptkonzeption wir darauf
bestanden, dass die Lehrer und Lehrerinnen sich bei der Gestaltung von
Unterricht ganzheitlich orientieren. Unterricht ist damit ein komplexer
Wechselwirkungszusammenhang, der sich nicht einfach durch Änderung eines
einzigen Faktors -- zum Beispiel Einführung des Computers und Internet--
verändern lässt.
Wählt man diese didaktisch-curriculare Analysekategorie zur Bewertung des
pädagogischen Potenzials freier Software , so können relativ konkret klingende
Fragen abgeleitet werden:
Verändert der Einsatz freier Software den tradierten Klassifikations- und
Vermittlungsrahmen? Führt Linux in der Schule zu offeneren curricularen
Strukturen und zu mehr selbstreguliertem Lernen? Unterscheiden sich die
Skripte zur Inszenierung von Unterricht bei jenen Lehrern, die freie Software
einsetzen, von jenen, die proprietäre Software benutzen?
Diese Fragen sind problematisch, da sie die Existenz und Verbreitung von
freier Software und von Linux in der Schule bereits voraussetzen. Es wird ein
entscheidender Faktor ausgeblendet, nämlich der Prozess, wie der Computer und
spezielle Software als Unterrichtsmittel und Lehr-Lernmedium in die Schule
gelangt.
Die meisten Lehrer, die ich kenne, beispielsweise Lehrerinnen aus dem Primar-
Grundschulbereich, arbeiten mit Windows und haben freie Software wie GNU/Linux
noch nicht kennen gelernt oder damit gearbeitet. Weder privat noch in der
Schule. Wie sollte also die freie Software "Linux" in die Schulen kommen? Was
bringt Lehrer dazu, Linux einzusetzen?
Ich habe beobachtet, dass es verschiedene Pfade zur Nutzung freier Software in
Schulen gibt:
Innovationspfad 1: Initiative einer einzelnen Lehrkraft
Häufig war es ein Zufallskontakt. In der Anfangsphase der Einführung des PCs
und der Internetnutzung in Schulen wurden einzelne Lehrer betraut, den/die
Schulcomputer technisch zu warten und die Software zu pflegen. Im
Arbeitszusammenhang "Schulen ans Netz" lernen diese Schulbeauftragten durch
Beratung, Fortbildung oder Austausch mit Kollegen Linux-Schulserver-Lösungen
(c't/ODS "Arktur") kennen und mit Linux als Betriebssystem umzugehen. Nicht
selten sind es diese Lehrkräfte --meist aus dem mathematischen
naturwissenschaftlichen Fachbereich--, die Linux in die Schule bringen.
Innovationspfad 2: EDV-Verantwortliche der Kommune
In den letzten Jahren wird zunehmend von den Kommunen das für die EDV
verantwortliche Personal auch dafür eingesetzt, die PC-Ausstattung der
Schulen und die Netzanbindung technisch und organisatorisch zu realisieren.
Dieses Fachpersonal hat in der IT-Ausbildung Unix Know-how erworben und
spricht sich auf Grund positiver Erfahrungen mit Stabilität und Sicherheit
für Linux als Server System aus.
Innovationspfad 3: Interessierte Eltern und Schüler
In Zukunft wird der Einsatz von freier Software in den Schulen dadurch
ermöglicht, dass Schüler oder Eltern, die Linux privat für den
Schreibtisch-PC nutzen (fünf bis zehn Prozent der Computerpopulation), für
den Einsatz von OpenSource freier Software in der Schule werben.
Aus diesen Beschreibungen ist ablesbar, dass die Einführung von Linux in den
Schulen bisher sehr zufällig und unsystematisch verläuft. Es kann kein
Zusammenhang gefunden werden zwischen pädagogischer Orientierung der Schulen
und Präferenz freier Software. Es könnte sein, dass freie Software an solchen
Schulen leichter eingeführt und genutzt werden kann, wo wir schon Tendenzen
der fortschrittlichen Unterrichtsinszenierung erleben, wo offenere curriculare
Strukturen und moderne Unterrichtsskripte des Geschehen bestimmen.
Wie wir es bei der Einführung von Computer und Internet schon beobachten
konnten, werden in den Schulen, in denen konservative unterrichtliche Konzepte
vorherrschen, trotz des Einsatzes neuer Technologien diese traditionellen
Verfahren beibehalten. Beispielsweise Frontalunterricht in modernen
Computerkabinetten. Neue Technologien führen nicht automatisch zu Veränderung
von Schule. Das wird bei der Einführung von freier Software und Linux nicht
anders sein. Wir können die Vermutungen äußern, dass das innovative Potenzial
freier Software und Linux am ehesten dort genutzt wird, wo bereits eine offene
pädagogische Orientierung besteht, also eine Tendenz zu integrativen
Vermittlungcodes, zu offener curricularer Gestaltung und wo Unterricht schon
heute durch fortschrittliche Unterrichtsskripte bestimmt ist.
Das pädagogische Potenzial freier Software ist also im didaktisch-curricularen
Bereich nicht sicher bestimmbar. Eindeutiger sind die Folgewirkungen des
Einsatzes von OpenSource jedoch in einer anderen pädagogisch wichtigen
Dimension, nämlich in der Kostenfrage. Mit freier Software können die
finanziellen Belastungen, die als Barriere für den Zugang zu Lehr- und
Lernressourcen wirken, für Elternhaus und Schule deutlich verringert werden.
Im vorigen Jahrhundert war mit der Einrichtung öffentlicher Schulen und der
gesetzlichen Schulpflicht die allgemeine Lernmittelfreiheit verbunden worden,
um SchülerInnen unabhängig vom Finanzstatus der Herkunftsfamilie das Lernen zu
ermöglichen. Lernmittelfreiheit ist ein Element zur Sicherstellung gleicher
Bildungschancen. OpenSource Software ist solch ein freies Lernmittel.
Insbesondere für Schüler und Schülerinnen aus weniger wohlhabenden Familien,
den sozialen Unterschichten, kann freie Software den Erwerb von
Medienkompetenz und die Ausbildung von "computer literacy" erleichtern.
Kostenersparnisse durch den Einsatz freier Software sind nicht nur für den
PC-Einzelplatz des Schülers und des Lehrers zu erwarten, sondern auch bei der
Einrichtung von Schul-Netzwerken. Auf der Basis freier Software kann die
Netzwerkinfrastruktur von Schulen kostengünstig ausgebaut werden.
Partizipation und aktive Mitbeteiligung wird ermöglicht, insbesondere durch
Nutzung der freien, nicht kostenpflichtigen Webangebote wie beispielsweise
Wikipedia und Open-School.
Sollte dennoch einmal spezielle Anwendungssoftware für den schulischen
pädagogischen Einsatz noch nicht entwickelt sein, so ist es möglich, die
Ausarbeitung schulpädagogisch relevanter Software anzuregen. Innerhalb der
Linux-Entwicklergemeinden gibt es Gruppen und Arbeitsansätze, die auf das
Einsatzfeld Schule, Unterricht und Edutainment ausgerichtet sind.
Die Anregung und Unterstützung zur Entwicklung pädagogisch relevanter Software
sollte auch stärker von der öffentlichen Hand kommen. Die immaterielle
Allmende freie Software muss gepflegt werden, wenn sie gesellschaftlich Nutzen
abwerfen soll. Es ist dringlich erforderlich, dass die verantwortlichen
Entscheider des öffentlichen Schulsystems sich für die Entwicklungen freier
Software engagieren. Eine bessere Kommunikation und Abstimmung zwischen
Akteuren im Arbeitsbereich Softwareentwicklung und denen im Bildungsbereich,
Erziehung und Elternhaus könnte die Entwicklung pädagogisch relevanter freier
Software entscheidend beschleunigen.
Wie bereits dargestellt wurde, kann Linux als nahezu kostenfreies Lern- und
Lehrmittel für Schüler und Lehrkraft bewertet werden. Durch die immensen
Fortschritte in den letzten Jahren im Bereich der Entwicklung grafischer
Benutzeroberflächen ist Linux inzwischen auch für den Einzelarbeitsplatz, für
den Schreibtisch-PC, Betriebssystem der ersten Wahl geworden:
Schnelle und problemlose Installation durch inzwischen verbesserte
Hardwareerkennung, einfache Benutzbarkeit durch intuitive grafische Oberfläche
und ein immenser Umfang von Anwendungssoftware für die Alltagspraxis sichern
die Eignung von Linux für den Desktop. Für den Heim- oder
Schul-PC-Arbeitsplatz ist Linux bestens geeignet. Mit GNU/Linux hat jede/r die
Möglichkeit, sich auszudrücken in Wort, Bild und Ton und über das weltweite
Netz zu kommunizieren. Die pädagogisch wichtigsten Funktionen sind:
Sich informieren
Es ist sehr leicht möglich, an einem Linux-Arbeitsplatz sich über das
Internet Informationen zu beschaffen. Zum Beispiel können über
Web-Recherchen oder durch Nutzung von Angeboten spezieller Portale, sei es
der Schulserver oder der Bildungsserver einer Region, Informationen
eingeholt werden.
Mit anderen kommunizieren
An einem Linux-Arbeitsplatz kann ich alle Kommunikationstechniken nutzen,
die heutzutage die neue Informationstechnologie bietet. So kann ich Dateien
bearbeiten, versenden und sie in Kommunikation mit anderen gestalten, oder
über E-Mail mich mit anderen austauschen oder an einem Online-Präsenzsystem
wie beispielsweise Internet-Chat teilnehmen.
Mit anderen kooperieren
Auch für Bereiche des gemeinsamen Arbeitens stellt Linux einen umfangreichen
Satz von Anwendungprogrammen zur Verfügung. So ist es möglich, über
Internettechnik Mitglied in einer so genannten geschlossenen Benutzergruppe
zu werden und mit den anderen Teilnehmern in einem virtuellen Raum zu
arbeiten. Es können Dateien auf dem Arbeitsraumserver abgelegt werden, um
sie anderen Arbeitsgruppenmitgliedern zur Durchsicht und Überarbeitung zur
Verfügung zu stellen. Es lassen sich Online-Treffen organisieren, so dass
Schüler sich von Zuhause aus an einer Gruppendiskussion beteiligen können.
Natürlich ist es auch möglich, dass Schüler und LehrerInnen miteinander auf
diesem Wege kommunizieren und kooperieren.
Die Funktionsbreite von GNU/Linux möchte ich ihnen kurz an einem konkreten
Beispiel zeigen. Das Gymnasium Isernhagen - es liegt in der Nähe von Hannover
- nutzt bereits das unterrichtspraktische Potenzial freier Software. Mein
Kollege Karl Sarnow hat zu diesem Zweck eine Sammlung pädagogisch relevanter
freier Anwendungssoftware zusammengestellt, sie auf CD brennen lassen und
diese den SchülerInnen und den Lehrkräften zur Verfügung gestellt. Auf dieser
direkt bootbaren Linux-Live-CD-ROM finden Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte
eine schulangepasste Sammlung leistungsfähiger Programme wie zum Beispiel für
den
Officebereich
zum Beispiel die freie Software Open Office, die Textverarbeitung,
Präsentationsgrafik, Tabellenkalkulationen, Zeichnen- und Malprogramme,
Termin- und Kalenderfunktionen zur Verfügung stellt.
Grafik-/Bild- Bearbeitung
zum Beispiel das höchst leistungsfähigen Bildbearbeitungsprogramm GIMP und
die Scannersoftware SANE
Multimedia-Anwendungen
zum Beispiel zur Bearbeitung von Audiodaten, Musik auf der Basis von MP3
oder OggVorbis Kompressionsverfahren; oder von audiovisuellem Material wie
Film, Video und Digitalfotografie
Internet
Natürlich stellt der Linux-Desktop unzählige Programme für die Arbeit im
Internet bereit, sei es vom einfachen Datentransfer, über Browserprogramme
bis zu komplexen Content Managementsystemen. Linux/freie Software ist ja ein
Kind des Internets und für die Arbeit im digitalen elektronischen Netzwerk
bestens geeignet.
Durch schulspezifische Zusammenstellungen von Programmen auf CD-ROM ist es
möglich, einen von Schüler und Schülerinnen wie auch von Lehrkräften direkt
nutzbaren gemeinsamen Programmpool nahezu kostenfrei zur Verfügung zu stellen.
So können sich Schülerinnen und Lehrkräfte bequem auf diese Sammlung stützen
und sich im Unterricht auf die wesentlichen inhaltlichen Aspekte
konzentrieren.
Die dargestellten Vorzüge des Linux-Desktops lassen sich nicht nur in der
Arbeitssituation am Einzelarbeitsplatz nutzen, sondern pädagogisch
spezifischer auch im Schul- bzw. Unterrichtskontext.
In der Regel zielt die Inszenierung von Unterricht auf größere Lerngruppen von
15-30 Personen, zum Beispiel auf Klassenverbände in der Form der
altershomogenen Jahrgangsgruppen. Neuere Entwicklungen der
Unterrichtsgestaltung, in der beispielsweise die Jahrgangsklasse aufgelöst ist
und freie Assoziationsformen von Lernenden zugelassen werden --leistungs- und
altersheterogene Gruppen--, sind im öffentlichen Schulwesen des
deutschsprachigen Raumes noch nicht sehr verbreitet.
In der Schulpraxis finden wir unterschiedliche Ausformungen der pädagogischen
Arbeit mit Schulklassen: In vielen Schulen wird noch im traditionellen
Verfahren des Frontalunterrichtes gearbeitet. Hier wird der Einsatz des
Computers häufig in der Form so genannter Computerkabinette organisiert. Das
heißt konkret, dass jeder Schüler in der Schulklasse vor einem PC sitzt und
die Lehrkraft frontal unterrichtet.
Eine andere Version --glücklicherweise inzwischen die verbreitetste-- ist die,
in der die Schülerinnen und Schüler einer Schulklasse differenziert arbeiten.
Je nach spezifischer Vorbedingung des Schülers --nach Lernstand- werden
Arbeitsaufträge erteilt oder Lernmöglichkeiten angeboten. In diesen Fällen
individualisierten Unterrichts wird der Computer als Teil der
Lernmedien-Ausstattung einer Schulklasse gesehen. Es wird im Klassenraum eine
so genannte Medienecke eingerichtet, in der der Schüler bei Bedarf Ressourcen
zum Lernen findet. Beispielsweise Lexika, Lehrbücher, Mikroskop, Tonband,
Kopfhörer und Videorecorder.
In solchen Medienecken ist der PC mit seinen peripheren Geräten, wie Drucker,
Scanner, Digitalkamera Teil der technischen Ausstattung. So können Schüler je
nach ihren eigenen Lernbedürfnissen oder je nach Arbeitsvorgabe des Lehrers
frei diese Ressourcen nutzen. In Medienecken sind zwei bis sechs
PC-Arbeitsplätze durchaus ausreichend, um pädagogisch optimal agieren zu
können.
Die Medienecke ist eine unter pädagogischen Gesichtspunkten gestaltete
Gelegenheitsstruktur. Für solche Kontexte hat sich ein besonderer Ansatz des
Einsatzes von freier Software bewährt, der den technischen Wartungsaufwand für
PCs extrem reduziert. Ich meine das so genannte
"Linux-Terminal-Server-Projekt" (LTSP).
Unser Verein "Freie Software und Bildung e.V." hat vor kurzem eine solche
Terminal-Server- Thin-Client-Lösung erarbeiten lassen und stellt sie über den
Entwickler Martin Herweg zur Verfügung. Diese Linux-live-CD-ROM heißt
"EduKNOPPIX" . Es ist, wie der Name es sagt, eine modifizierte Version des
bekannten KNOPPIX-Linux. Also eine bootbare CD-ROM, von der die
Open-Source-Programme gestartet werden können. Dieser Linux Version lässt sich
auch auf Festplatte installieren und bietet dann die volle Funktionalität
eines Terminal Servers.
Je nach technischer Ausstattung des Servers können mehrere (bis zu 20 )
Clients bedient werden. Dieser Ansatz hat sich bestens bewährt. Beispielsweise
kann eine solche Konstruktion in der offenen Jugendarbeit genutzt werden, zum
Beispiel Für die Surfstationen eines Internet-Cafes. Da die
Thin-Client-Rechner plattenlos arbeiten und über Ether-Boot gestartet werden,
sind sie ausgesprochen robust und gegen Vandalismus geschützt.
Werden in einer Medienecke mehrere Thin Clients an einen leistungsfähigen
Terminal-Server angeschlossenen, kann der größte Teil der im vorherigen
Kapitel zur Desktop Situation beschrieben Software genutzt werden.
Besonders hervorzuheben ist, dass sich jeder Anwender seine spezifische
Benutzeroberfläche einstellen kann. Zum Beispiel können Spracheinstellungen
muttersprachlich vorgenommen werden. Dies ist in Schulklassen mit hohem
Migrantenanteil -pädagogisch bewertet- ein großer Vorteil.
Um die pädagogische Relevanz freier Software zu analysieren, reicht es nicht
aus, die Einsatzbereiche Desktop/Einzelarbeitsplatz oder PCs in der Medienecke
eines Klassenraumes zu analysieren. Wichtig ist auch der Blick auf das
organisatorische Gesamtsystem der Einzelschule. Die Perspektive kann noch
erweitert werden auf die Schulen in einer Stadt oder einer
Gebietskörperschaft. Auch auf dieser Ebene müssen für die Schulen
Dienstleistungen und Funktionen zur Verfügung gestellt werden. Es bietet sich
an, den EDV-Service in solch komplexen Gebilden netzwerkartig zu organisieren.
Über zentrale Server können Leistungen erbracht und Funktionen abgewickelt
werden.
Wenn wir uns umschauen, wie die einzelnen Schulen oder die kommunalen
Gebietskörperschaften ihre informationstechnischen Belange regeln, sehen wir
eine große Spannweite verschiedenster Realisationen. In der Einzelschule, aber
auch auf der Gemeindeebene finden wir sehr unterschiedliche
EDV-Geräteausstattungen und Netzwerkkombinationen:
Es gibt Kommunen, die eine mit den einzelnen Schulen abgestimmte
Gesamtnetzwerkkonstruktion erarbeitet haben. Also ein integriertes
Schulnetzwerk auf kommunaler Basis etabliert haben. Wiederum findet man in
anderen Gebietskörperschaften nur isolierte Schullösungen. Hier hat die
einzelne Schule für sich ein Netzwerk errichtet und die PCs miteinander
verbunden. Sehr häufig findet man noch -vor allem bei kleinen Schuleinheiten
im Grundschulbereich- Einzel-PC-Lösungen. Die Rechner sind nicht miteinander
vernetzt, der Zugang zum Internet wird über ISDN oder DSL Router
gewährleistet.
Die Bandbreite der Lösungen lässt sich etwa folgendermaßen systematisieren:
Ansammlung von Schreibtisch-PCs
Internetanschluss über ISDN oder DSL Router/Switch
Kommunikationsserver-Lösungen
Beispiel: c`t/ODS-Schulserver "Arktur"
Linux Terminal-Server Thin-Client Lösungen
Beispiel: EduKNOPPIX
Schulserver Lösungen
Beispiele: Musterlösung Baden-Württemberg, Suse, Skolelinux (in Entwicklung)
Dies sind technische Lösungen, die verschiedene Chancen zur Verwirklichung
pädagogischer und gesellschaftlicher Ziele bieten. Wie bereits zum
Schreibtisch-PC und zur Terminalserverlösung ausgeführt wurde, bieten
Linuxlösungen bereits auf den unteren Stufen netzwerktechnischer Aggregation
schulpraktisch und unterrichtsbezogen große Vorteile. In der Konstruktion
schulweiter oder Gebietskörperschaft bezogener Netzwerklösungen liegen jedoch
weit größere pädagogische, kulturelle und gesellschaftliche Potenziale.
Netzwerklösungen eröffnen Zusatzleistungen, die die Verwirklichung
pädagogischer Intentionen unterstützen können. So können beispielsweise die
wichtigen Funktionen Information, Kommunikation, Kooperation über
Netzwerklösungen stabiler und vollständiger realisiert werden. Vor allem
lassen Netzwerklösungen es zu, dass sich die Akteure in der Schule --also
Schülerinnen und Schüler, die Lehrkräfte und die erziehungsberechtigten
Eltern-- leichter aufeinander beziehen können und somit bei Bedarf lehr- und
lernrelevant kommunizieren können. Es ist möglich, innerhalb der
Schulgemeinschaft und auch auf kommunaler Ebene über Einzelschulen
hinausgehend eine Internetplattform zu schaffen, so genannte virtuelle Räume,
in denen sich die Akteure assoziieren und austauschen können. Diese virtuellen
Räume ermöglichen es, dass Schüler, Schülerinnen und Lehrkräfte miteinander
kommunizieren und somit am Schul- und kommunalen Miteinanderleben
partizipieren.
Wird in einer Schule oder in einer Kommune eine Linux-Netzwerklösung
eingeführt und dies offen kommuniziert --also curricular thematisiert--, so
erhöht sich damit die Chance, die besonderen Vorteile freier Software für die
Ausbildung einer freien Wissenskultur deutlich zu machen.
Freie Software ist freies Lernmittel und auch für Kinder aus weniger
wohlhabenden Familien leicht zugänglich. Dies kann die Ausbildung von
Computer-Literacy fördern und die allgemeine Medienkompetenz stärken. Es
können medienerzieherisch wichtige Lernziele erreicht werden, wie zum Beispiel
die Sensibilisierung für informationelle Freiheit, freie Meinungsäußerung,
gegen ungerechtfertigte Netzkontrolle.
Aspekte der Netzwerksicherheit können auf einer Basis diskutiert werden, in
der der Einzelne Mitbeteiligung findet. Die natürlichen menschlichen
Leistungen des ungehinderten Austausches von Wissen können gestützt, die
Kultur des Schenkens und Teilens gepflegt und somit gesellschaftlich wertvolle
Orientierungen entwickelt werden.
Meine Damen und Herren, damit wäre ich am Ende meiner Ausführungen. Ich danke
Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. Wer sich über die aufgeworfenen Fragen selbst
informieren möchte, findet in den Literaturhinweisen weitere Anregung und
Vertiefung.
Grassmuck, Volker
Freie Software ? Zwischen Privat- und Gemeineigentum
Hrsg. Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2002
(weitere Literaturhinweise dort)
Himanen, Pekka
Die Hacker-Ethik und der Geist des Informations-Zeitalters
Riemann Verlag, München 2001
Gorz, Andre
Welches Wissen? Welche Gesellschaft?
Textbeitrag zum Kongress "Gut zu Wissen"
Internet / Online-Veröffentlichung der Heinrich-Böll-Stiftung, 5/2001
(www.wissensgesellschaft.org/themen/orientierung/welchegesellschaft.html)
Ergänzende Hinweise bitte an:
Hans-Josef Heck - hjh"@antispam at"mail.fsub.de