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Dieses Dokument befaßt sich mit dem gerade entstehenden
ökonomischen Nährboden des Phänomens Open Source. Wir
enttarnen einige weit verbreitete Ansichten über die Finanzierung von
Softwareentwicklung als Mythen und gehen der Preisstruktur von Software auf
den Grund. Wir präsentieren eine spieltheoretische Analyse der
Stabilität der Kooperation in der Open Source-Bewegung und zeigen neun
Modelle für die Unterhaltung von Softwareentwicklung durch Open Source;
sieben davon sind gewinnorientiert, zwei gemeinnützig. Wir fahren fort
mit dem Aufbau einer qualitativen Theorie darüber, in welchen
Fällen es wirtschaftlichen Sinn macht, Software unter Ausschluß
der Öffentlichkeit ("Closed Source") zu entwickeln. Wir untersuchen
dann einige neuartige Mechanismen, die der Markt gerade erfindet, um
gewinnorientierte Open Source-Projekte zu finanzieren, darunter die
Renaissance des Gedankens einer Patronage und die Idee eines sogenannten
Task
Markets;. Wir schließen unsere Überlegungen mit einigen
vorsichtigen Vorhersagen der nächsten Zukunft ab.
In einer walisischen Sage besitzt die Göttin Ceridwen einen
großen Kessel, der auf magische Weise Essen hervorbringt - wenn man
den nur der Göttin bekannten Zauberspruch aufsagt. Buckminster Fuller
trug zur modernen Wissenschaft das Konzept der "Ephemeralization" bei - die
Idee, daß Technologie sowohl effektiver als auch billiger wird, wenn
die Investitionen in den frühen Entwurf nicht in physischen Ressourcen
bestehen, sondern durch mehr und mehr Überlegungen über den
Entwurf ersetzt werden. Arthur C. Clarke stellte zwischen Sage und
Buckminster Fuller eine Verbindung her, als er feststellte: "Jede
ausreichend fortgeschrittene Technologie ist von Zauberei nicht zu
unterscheiden".
Für viele scheinen die Erfolge der Open Source-Gemeinde wie eine
überhaupt nicht einleuchtende Form von Zauberei. Hochwertige Software
ensteht "einfach so" und ist "gratis". Das ist zwar ganz nett, solange es
funktioniert, kann aber in einer Welt des Wettbewerbs und der
beschränkten Ressourcen wohl kaum von Dauer sein. Wo ist der Haken? Ist
Ceridwens verzauberter Kessel nur ein billiger Trick? Und wenn nicht, wo ist
in diesem Zusammenhang die Ephemeralization - welchen Zauberspruch verwendet
die Göttin?
Die Erfahrung der Open Source-Kultur hat sicher viele der Annahmen jener Leute
umgeworfen, die ihre Kenntnisse der Softwareentwicklung außerhalb dieser
Kultur erworben haben. Kathedrale und der Bazar"
[CatB]
beschreibt, wie dezentralisierte Kooperationen beim Entwicklungsaufwand Brooks
Gesetz besiegen können, was zu einem noch nie dagewesenen Niveau bei
individuellen Projekten führt. "Homesteading the Noosphere" untersucht
die soziale Dynamik innerhalb derer dieser "bazar-orientierte" Stil beim
Entwickeln zu Hause ist; mit der These als Anliegen, daß man diese
Dynamik nicht am besten unter dem Blickwinkel einer Tausch/Waren-Ökonomie
betrachtet, sondern unter dem einer "Gift Culture" - Geschenkkultur -, wie
Ethnologen das nennen. In so einer Geschenkkultur gibt es unter den einzelnen
Mitgliedern einen Wettbewerb um Status, der sich am Wert der hergegebenen
Geschenke mißt. In diesem Dokument werden wir unsere Erörterung
damit beginnen, daß wir einigen weit verbreiteten Mythen über die
Ökonomie der Softwareentwicklung die Luft auslassen; dann mit der Analyse
von
[CatB] und
[HtN] in das Reich der
Wirtschaftstheorie, der Spieltheorie und der Business Models vorstoßen
und neue Konzepte für das Verständnis der Art und Weise zu
entwerfen, wie Open Source-Entwickler in einer Tauschwirtschaft (wie die
unsere eine ist) ihren Lebensunterhalt verdienen können.
Um diese Linie der Analyse weiter zu verfolgen ohne abgelenkt zu werden,
müssen wir die Vorstellung einer Geschenkkultur aufgeben (oder uns
wenigstens darauf einigen, sie vorübergehend zu ignorieren).
[HtN] zeigt, daß es zu dieser Freigiebigkeit in
Situationen kommt, die alles Lebenswichtige in solchem Überfluß
bieten, daß ein Austausch von Waren uninteressant wird. Das ist zwar als
psychologische Erklärung ausreichend, versagt aber für den
gemischt-ökonomischen Kontext, in dem die meisten Open Source-Entwickler
operieren. Für die meisten ist das Spiel um Waren zwar nicht mehr
attraktiv, hat aber noch immer die Macht, den eigenen Aktionsradius
einzuschränken - schließlich braucht jeder irgendein Einkommen. Das
Verhalten dieser Mehrheit muß auch im Rahmen einer herkömmlichen
Ökonomie wirtschaftlichen Sinn machen, um ihnen den Luxus der
Freigiebigkeit zu ermöglichen.
Daher werden wir nun die einzelnen Arten der Kooperation und des Austausches
beleuchten, die Open Source-Entwicklung ermöglichen - und das
gänzlich innerhalb des Rahmens der herkömmlichen Ökonomie.
Dabei werden wir die pragmatische Frage "Wie kann ich damit was verdienen?"
detailliert beantworten und Beispiele anführen. Als erstes aber werden
wir zeigen, daß sehr viele von den Zweifeln hinter dieser Frage nur
vor der Kulisse der vorherrschenden - und nicht stichhaltigen - Folklore der
Ökonomie der Softwareproduktion berechtigt sind.
(Eine letzte Anmerkung noch, bevor wir zur Ausführung kommen: die
Erörterung und Befürwortung des Open Source-Modells in diesem Text
sollte nicht als These verstanden werden, daß Closed- Source-Projekte
von Grund auf falsch sind; auch nicht als Opposition gegen Urheberrechte bei
Software, und auch nicht als ein frömmelnder Aufruf, mit seinen
Mitmenschen zu teilen. Während all diese Argumente unter einer nicht zu
überhörenden Minderheit in der Open Source-Gemeinde noch immer
heiß geliebt werden, zeigen die seit
[CatB]
gemachten Erfahrungen deutlich deren Überflüssigkeit. Zur
Rechtfertigung von Open Source- Entwicklung sind die technischen und
wirtschaftlichen Zielsetzungen völlig ausreichend: mehr Qualität,
höhere Zuverlässigkeit, geringere Kosten und eine breitere
Produktpalette).
Wir müssen unsere Betrachtung mit der Bemerkung anfangen, daß
Computerprogramme, so wie alle anderen Werkzeuge oder Investionsgüter,
zwei klar erkennbare Arten von wirtschaftlichen Wert haben. Der eine ist der
Gebrauchswert, der andere der
Warenwert.
Der Gebrauchswert eines Programms ist sein wirtschaftlicher Wert als
Werkzeug. Der Warenwert eines Programms ist sein Wert als handelbare Ware.
Die meisten Leute tendieren bei Überlegungen über die Produktion
von Software zur Annahme eines "Fabrikmodells", das sich auf die folgenden
Voraussetzungen stützt:
1. Die Arbeitszeit der Entwickler wird durch den Warenwert
amortisiert.
2. Der Warenwert von Software ist proportional zu den Entwicklungskosten
(also der Kosten, die für die Duplizierung seiner Funktion erforderlich
sind) und zu seinem Gebrauchswert.
In anderen Worten: die Leute tendieren sehr stark zu der Annahme, daß
Software bei ihrer wirtschaftlichen Bewertung die Charakteristik eines in
der Fabrik hergestellten Guts hat. Beide der oben angegebenen Annahmen sind
aber nachweislich falsch.
Zum einen ist Code, der für den Weiterverkauf geschrieben wird, nur die
Spitze des Eisbergs. In der Epoche vor den Mikrocomputern war es
üblich, daß 90 Prozent allen Codes für die eigene Verwendung
von Banken und Versicherungsgesellschaften geschrieben wurde. Diese Zeiten
sind vermutlich vorbei - auch andere Industrien sind inzwischen sehr
Software-intensiv geworden, und der Anteil der Finanzwirtschaft entsprechend
gesunken - wir werden aber gleich sehen, daß es empirische Beweise
dafür gibt, daß noch immer 95 Prozent allen Codes für die
ausschließliche Verwendung durch die den Aufwand erbringenden
Institutionen entwickelt wird.
Dieser Code beinhaltet das meiste des Tagesgeschäfts der IT-
Abteilungen - die Anpassung von Finanz- und Datenbanksoftware, die jede
mittlere und große Firma braucht. Er beinhaltet die Arbeit von
hochspezialisierten Experten, wie sie etwa in Gerätetreibern steckt (es
macht ja fast niemand Geld mit dem Verkauf solcher Treiber, was uns
später noch beschäftigen wird). Er beinhaltet viele Spielarten von
"Firmware", wie er in zunehmend mikrocomputerisierten Maschinen eingebettet
ist - von der Formenfräse über Tarnkappenbomber bis zum Fernseher
oder Toaster.
Der größte Teil dieses nicht gesondert oder überhaupt nicht
zum Verkauf angebotenen Codes ist mit seiner Umgebung so innig verwoben,
daß die Wiederverwendung oder die Vervielfältigung sehr schwierig
ist. Diese Einschränkung besteht unabhängig davon, ob es sich bei
dieser Umgebung um einen Satz von Geschäftsprozeduren innerhalb eines
Unternhemens handelt, oder um die Steuerung der Treibstoffpumpe eines
Mähdreschers. Aus diesem Grund ist die Anpassung solcher Software an
eine sich ständig verändernde Umgebung ein gewaltiger Aufwand.
Diese Arbeit wird "Wartung" genannt und jeder Softwareentwickler oder
Systemanalytiker wird einem erklären, daß sie den
überwiegenden Anteil an den Kosten (mehr als 75 Prozent) verursacht.
Die Folge davon ist, daß Programmierer die meiste Zeit mit dem
Verfassen oder der Wartung von Code verwenden, der überhaupt keinen
Warenwert hat - eine Tatsache, von der sich der Leser jederzeit selbst
überzeugen kann; man muß nur die entsprechenden Stelleninserate
einer beliebigen Tageszeitung betrachten.
Sich den Arbeitsmarkt im Anzeigenteil einer regionalen Zeitung näher
anzusehen ist ein lehrreiches Experiment, daß ich jedem Leser ans Herz
legen will. Untersuchen Sie die Angebote für Programmierer,
Software-Engineering und Unternehmens-EDV nach Positionen, die Entwicklung
von Software zum Gegenstand haben. Ordnen Sie die Jobs danach, ob die
Software für den eigenen Gebrauch im Unternehmen oder den Verkauf
entwickelt werden soll.
Sehr schnell wird klar, daß, sogar nach der am weitesten
gefaßten Definition von "für den Verkauf", wenigstens neunzehn
von zwanzig der gebotenen Gehälter durch den Gebrauchswert (also
für ein Investitionsgut) bezahlt werden. Das ist der Grund für
unsere Annahme, daß nur 5 Prozent der Industrie durch den direkten
Ertrag aus dem Verkauf der Software bezahlt wird. Beachten Sie aber,
daß der Rest der Analyse in diesem Text für die konkreten Ziffern
relativ unempfindlich ist - auch wenn es 15 oder sogar 20 Prozent
wären: die ökonomischen Konsequenzen blieben gleich.
(Wenn ich auf technisch orientierten Konferenzen spreche, beginne ich meine
Rede für gewöhnlich mit zwei Fragen: wie viele Leute im Publikum
werden für das Entwickeln von Software bezahlt, und wie viele davon
arbeiten an Software, die für den Weiterverkauf bestimmt ist. Fast
immer ist es so, daß ich auf die erste Frage einen ganzen Wald von
erhobenen Händen zur Antwort bekomme, und nur ganz wenige oder gar
keine auf die zweite - was für meine Zuhörer keine geringe
Überraschung ist.)
Auch die zweite Annahme im Folklore-Modell der Softwareamortistation ist
nicht stichhaltig, was sogar noch leichter demonstriert werden kann. Die
Theorie, daß der Warenwert von Software ihren Entwicklungs- oder
Ersetzungskosten entspricht, kann durch Untersuchen des tatsächlichen
Verhaltens der Konsumenten widerlegt werden. Es gibt viele Güter,
für die diese Proportion richtig ist (wenigstens vor der Wertminderung)
- Lebensmittel, Automobile, Industrieanlagen. Es gibt sogar noch mehr
immaterielle Güter, deren Warenwert eng mit den Entwicklungs- oder
Ersetzungskosten verknüpft ist - Verfielfältigungsrechte für
Musik oder Landkarten etwa. Solche Erzeugnisse können ihren Wert
behalten oder sogar vergrößern, wenn der ursprüngliche
Hersteller verschwindet.
Wenn dagegen der Hersteller eines Softwareprodukts bankrott geht (oder sein
Produkt einstellt), sinkt der maximale Preis, den die Konsumenten bereit
sind zu bezahlen, sehr schnell gegen null. Dieser Höchstpreis ist vom
theoretischen Gebrauchswert oder den Entwicklungskosten oder denen eines
funktionellen Äquivalents unabhängig. Die Richtigkeit dieser
Annahme können Sie leicht selbst überprüfen - sehen Sie dazu
nur in einer Softwarehandlung den Korb mit den Restposten durch.
Wie sich Händler gegenüber pleite gegangen Herstellern verhalten,
ist sehr aufschlußreich. Es zeigt, daß die Händler etwas
wissen, was die Hersteller nicht wissen: der Preis, den Konsumenten bereit
sind zu bezahlen, wird praktisch ruiniert, wenn für das Produkt in
Zukunft kein Service mehr zu erwarten ist. 'Service' bedeutet in diesem
Zusammenhang Erweiterungen, Upgrades und Folgeprojekte des Herstellers.
Anders gesagt, ist die Software-Industrie eine Dienstleistungsindustrie;
allerdings eine, die unter der unbegründeten, aber sich hartnäckig
haltenden Annahme operiert, eine Güterindustrie zu sein.
Es ist wertvoll, zu untersuchen, warum wir normalerweise zu dieser falschen
Vorstellung neigen. Der schlichte Grund ist vielleicht, daß der kleine
Teil der Softwareindustrie, der seine Erzeugnisse zum Verkauf anbietet,
gleichzeitig der einzige ist, der diese Produkte auch bewirbt. Ein weiterer
ist möglicherweise, daß einige der sichtbarsten und am massivsten
beworbenen dieser Artikel Computerspiele sind, die ja so gut wie keine
laufende Dienstleistung benötigen. (Ausnahmen von dieser Regel gibt es,
sie sind aber selten)
[SH].
Man sollte auch beachten, daß der Fertigungswahn zu einer
Vergebührungsstruktur einlädt, die an der Kompensation für
die Entwicklungskosten völlig vorbei geht. Wenn man annimmt (was
allgemein anerkannt ist), daß über 75 Prozent der Kosten für
die gesamte Lebensdauer eines Softwareprojekts auf die Wartung, die
Fehlerbehebung und die Erweiterung entfallen, kommt man dahinter, daß
die übliche Preispolitik der Hersteller für alle Beteiligten eine
schlechte Entsprechung ist: verrechnet wird ja tatsächlich ein hoher
Preis beim Kauf und ein sehr geringer oder gar nichts für die die
Betreuung und Upgrades.
Die Konsumenten verlieren in diesem Spiel, denn obwohl die Herstellung von
Software eigentlich eine Dienstleistungsindustrie ist, verleiten die Anreize
eines Fabrikmodells nicht zum Anbieten von kompetenten Services. Solange die
Einnahmen des Herstellers durch den Verkauf von Bits zustande kommen, wird
der meiste Aufwand in die Herstellung und die Vermarktung dieser Bits gehen;
die Help Desks werden nicht als Profit Center angesehen, führen ein
ungeliebtes Schattendasein und werden nur gerade soweit durch das absolute
Minimum unterstützt, um nicht eine kritische Anzahl von Kunden zu
verprellen.
Die andere Seite dieser Medaille ist, daß die meisten Hersteller, die
an dieses Fabrikmodell glauben, auf lange Sicht gesehen, untergehen werden.
Die Mittel für unbegrenzten Support durch einen einmal vergüteten
fixen Preis zu bezahlen, ist nur in Märkten vertretbar, die so schnell
wachsen, daß man seine heutigen Kunden durch die Geschäfte von
morgen finanzieren kann. Sobald der Markt gereift und gesättigt ist,
werden die meisten Hersteller keine andere Wahl haben als die, entweder
diese Ausgaben zu drosseln oder das Produkt stillzulegen.
Egal wie die Entscheidung ausfällt, das Resultat wird sein, daß
sich die Kunden an Mitbewerber wenden. Man kann für kurze Zeit aus
dieser Falle geraten, indem man bloße Ausbesserungen in der Software
als neue Produkte zu einem neuen Preis verkauft, was die Konsumenten aber
sehr schnell ermüdet. Langfristig gesehen ist daher der einzige Ausweg
aus dieser Klemme, ein Monopol, also keine Mitbewerber, zu haben.
Monopolisten kann es aber immer nur einen geben.
Tatsächlich haben wir dieses "Ausbluten durch Support" oft beobachten
können. Sogar vitale Hersteller auf Platz zwei in einem lukrativen
Nischenmarkt waren davon betroffen, die Beispiele reichen von
proprieritären PC-Betriebsystemen über Textprozessoren,
Buchhaltungsprogrammen bis zu Business- Software im allgemeinen. Die grotesk
falschen Anreize des Fabrikmodells führen zu einem Markt, in dem der
Gewinner alles bekommt, und das auf Kosten seiner Kunden.
Aus dem bisher Gesagten können wir schon beginnen, unsere eigenen
Einsichten über die Gründe zu entwickeln, aus denen Open
Source-Software für die bestehende Ordnung am Markt nicht eine
bloße technologische, sondern auch wirtschaftliche Herausforderung
darstellt. Das Resultat von "Gratis"software, so scheint es, ist, uns in
eine Welt zu bewegen, in der die Vergebührung von Dienstleistungen
dominiert - und auf die Strukturschwäche hinzuweisen, die eine
Kompensation von Entwicklungskosten durch Verkauf von Closed Source-Bits
darstellt.
Der Begriff "gratis" ist aber noch in anderer Weise irreführend. Die
Kosten einer Ware zu senken, führt in der Regel zu einer Zunahme, nicht
Abnahme, der Investitionen in die dazu gehörenden Infrastruktur. Wenn
die Preise für Autos sinken, steigt der Bedarf nach Automechanikern -
was auch ein Grund dafür ist, aus dem in einer Open Source-Welt sogar
jene 5 Prozent der Programmierer gut zu essen hätten, die heute noch
durch den Erlös aus dem Verkauf dieser Software bezahlt werden. Die
Verlierer bei einem solchen Übergang wären nicht die Entwickler,
sondern die Investoren einer unangemessenen Closed Source-Strategie.
Es gibt noch einen weiteren Irrglauben, der dem des Fertigungswahns
gleichzeitig entspricht und entgegenläuft. Er verführt die
Menschen, die über die Ökonomie des Open Source- Modells
nachdenken zu der Annahme, daß marginale Kosten bei der
Vervielfältigung von Software Verkaufspreis von null zu bedeuten hat -
"Information wants to be free".
In seiner allgemeinster Form kann man diesen Mythos leicht entschärfen.
Nehmen wir einmal den Wert von Information, die den leichten Erwerb eines
attraktiven Guts bedeutet - eine Schatzkarte etwa, oder die Nummer eines
Schweizer Bankkontos. Obwohl diese Information für Kosten von null
vervielfältigt werden kann, gilt das für das zugehörige Gut
nicht. Daher kann man von den Verfielfältigungskosten nichts über
den eigentlichen Wert ableiten.
Wir bringen diesen Mythos hauptsächlich deswegen ins Spiel, um
festzustellen, daß er für die Kosten/Nutzen-Rechnung bei Open
Source unerheblich ist; später werden wir sehen, daß nicht einmal
die Annahme, er wäre stichhaltig (der Wert der Ware Software ist null)
Auswirkungen für unser Modell hat.
Nach einem skeptischen Blick auf ein bestehendes Modell sollten wir
versuchen ein anderes, besseres zu entwickeln - eine nach streng
wirtschaftswissenschaftlichen Methoden geschaffene Erklärung
dafür, was Open Source-Kooperation Nachhaltigkeit und Bestand
ermöglicht.
Diese Frage erfordert Untersuchungen auf mehreren Ebenen. Die eine ist die
des Verhaltens von Individuen, die zu Open Source- Projekten beitragen; eine
weitere die des Verständnisses der ökonomischen Kräfte, die
das kooperative Verhalten bei konkreten Projekten wie Linux oder Apache
antreiben.
Wieder müssen wir zuerst einmal mit einem weit verbreiteten
Folkloremodell aufräumen, das uns am Weg zu einem umfassenden
Verständnis behindert. Die Falle, in die wir hier gehen könnten,
kann man nach Garret Hardins berühmter Parabel als die
Tragedy of
the Commons (ungefähr: "Die Tragödie der Kommune") bezeichnen.
Hardin fordert auf, sich eine Wiese vorzustellen, die in einem Dorf von
Bauern (den "commons") als allgemeines Gut und als Weidefläche
verwendet wird. Das Abgrasen aber macht die Kommune ärmer, da zu viele
Halme aus dem Boden gerupft werden und die Wiese nach und nach in einen
schlammigen Grund verwandelt wird. Wenn es keine abgemachte (und auch
exekutierte!) Politik gibt, um die Nutzungsrechte so zu rationieren,
daß Überweidung verhindert wird, dann werden die beteiligten
Bauern nur den Anreiz haben, so viel Vieh wie möglich über die
Wiese zu treiben, um ihren Anteil daran zu maximieren, bevor das allen
gehörende Grundstück völlig ruiniert ist.
Die meisten Menschen wissen intuitiv, wie kooperatives Verhalten
funktioniert. Obwohl ihre Vorstellung eigentlich keine gute Entsprechung der
ökonomischen Problemstellungen der Open Source-Bewegung ist, steht
diese Analogie hinter den meisten der Einwände, die ich gegen Open
Source höre.
Die
Tragödie der Kommune läßt nur drei mögliche
Ausgänge der Geschichte zu. Der eine ist die Schlammruine. Ein weiterer
die eines Despoten, der dem Dorf eine Rationierungspolitik auferlegt (die
kommunistische Lösung). Die dritte Möglichkeit ist die Aufteilung
der Grundrechte: die Bewohner zäunen einen Teil für sich ein und
sind für das Haushalten mit ihrem Stück Wiese selbst
verantwortlich (die Grundbesitzer-Lösung).
Wenn Leute dieses Modell reflexiv auf die Open Source- Kooperation anwenden,
erwarten sie Instabilität mit einer kurzen Halbwertszeit. Da es keine
offensichtliche Möglichkeit gibt, eine Rationierungspolitik für
Entwicklerzeit über das Internet zu exekutieren, führt dieses
Modell geradewegs zur Vorhersage, daß die Bauern sich zerstreiten
werden, daß kleine Stücke der Software in Closed Sources
verschwinden werden, und immer weniger Arbeit in den allgemeinen Pool
zurückgespeist wird.
Tatsächlich kann empirisch nachgewiesen werden, daß das genaue
Gegenteil der Fall ist. Umfang und Tiefe von Open Source- Entwicklungen
nimmt ständig zu (was man, zum Beispiel, an der Anzahl der
täglichen Ankündigungen bei freshmeat.net oder Beiträgen
messen kann, die täglich an Metalab geliefert werden). Klar erkennbar
gibt es einen kritischen Fehler in der Anwendung der
Tragedy of the
Commons, um zu erklären, was hier vorgeht.
Die Antwort liegt zum Teil in dem Umstand begründet, daß der
geringe Individualwert der kleinen Happen, die zum allgemeinen Codepool
beigetragen werden, nur schwer zu vergüten ist. Nehmen wir an, ich
schreibe eine Korrektur eines irritierenden Softwarefehlers, und nehmen wir
an, eine lange Reihe von Leuten erkennt, daß dieser Fix für sie
einen gewissen Geldwert hat. Wie hebe ich eine Gebühr von diesen Leuten
ein? Konventionelle Zahlungssysteme haben so hohe Unkosten, daß er
für die hier angebrachten Kleinstbeträge zu einem echten Problem
wird.
Noch treffender könte die Beobachtung sein, daß dieser Wert nicht
nur schwer einzutreiben, sondern oft sogar schwer zu
bestimmen ist.
Lassen Sie uns ein Gedankenexperiment machen. Nehmen wir, daß Internet
wäre mit einem idealen Verrechnungssystem für sehr geringe
Beträge ("Micropayments") ausgestattet - hochsicher, allgemein
verfügbar, keine Unkosten. Nehmen wir weiter an, Sie hätten
Korrekturcode mit dem Titel "Diverse Korrekturen für den Linux-Kernel"
geschrieben. Woher wissen Sie, wieviel Geld Sie dafür verlangen
können? Wie würde ein potentieller Käufer, der ihr Paket ja
nicht kennt, wissen, wieviel es wert ist?
Was wir hier vorfinden, ist ein Zerrbild von F. A. Hayeks
"Kalkulationsproblem" - der Handel mit dem korregierten Code verlangt ein
übernatürliches, allwissendes Wesen, das nicht nur den Wert
berechnen kann, sondern dem auch genug getraut wird, um den Preis
entsprechend festzusetzen.
Unglücklicherweise sind allwissende Wesen im Augenblick ausverkauft,
und so bleibt dem Autor der Korrektur keine andere Wahl als sein Produkt
entweder nicht zu veröffentlichen oder gratis der Allgemeinheit zur
Verfügung zu stellen. Die erste Möglichkeit führt zu nichts.
Die Alternative führt vielleicht auch zu nichts, könnte aber
andere ermutigen, ebenfalls Geschenke zu machen, möglicherweise welche,
die umgekehrt unserem Autor nutzen. Diese zweite Wahl, obwohl
augenscheinlich altruistisch, ist in Wahrheit ein eigennütziges Optimum
- um es in der Sprache der Spieltheoretikern zu sagen.
Bei der Analyse einer derartigen Kooperation ist es wichtig, daß trotz
der vorhandenden "Trittbrettfahrer"-Problematik (wegen fehlender
finanzieller oder äquivalenter Anreize mangelt es an Beiträgen an
Entwicklungsarbeit) diese Problematik von der Anzahl der Benutzer
unabhängig ist. Die Komplexität und der Aufwand für die
Kommunikation in einem Open Source-Projekt ist fast gänzlich eine
Funktion der Anzahl der involvierten Entwicklern; auch noch so viele
Konsumenten, die sich mit dem Quellcode nicht weiter befassen, kosten
praktisch gar nichts. Zwar wird sich die Menge an dummen Fragen in der
Mailingliste ehöhen, was aber durch Pflege einer FAQ leicht aus der
Welt geschafft werden kann; Leute, die sie nicht lesen, werden dann einfach
ignoriert (tatsächlich sind beides typische Praktiken).
Das wirkliche Trittbrettfahrerproblem bei Open Source-Software ist mehr eine
Funktion der Reibungsverluste bei der Abgabe von Beiträgen. Ein
potentieller Spender mit geringem Interesse am Spiel um Status in der Gemeinde
(siehe auch
[HtN]) wird vielleicht denken: "Diese
Verbesserung abzugeben ist mir den Aufwand nicht wert; ich müßte
den Code aufräumen, einen Protokolleintrag verfassen und die FSF
Assignment Papers unterschreiben..." Aus diesem Grund korreliert die Anzahl
der Beitragenden zu (und damit der Erfolg von) Projekten stark und invers mit
der Anzahl der Hürden, die man als Codespender überwinden muß.
Solche Reibungsverluste können mechanisch oder politisch sein. Zusammen
könnten sie erklären, warum die locker organisierte und amorphe
Linux-Kultur ein Vielfaches an kooperativer Energie mobilisieren konnte als
die straff organisierten und zentralisierten BSD-Projekte, und auch, warum die
Free Software Foundation an relativer Wichtigkeit von Linux in den Hintergrund
gedrängt wurde.
Soweit ist alles schön und gut, aber diese Erklärung beleuchtet
nur die Entscheidung, was Otto Normalhacker mit seinem Patch macht, nachdem
er fertig gestellt ist. Wir benötigen noch die andere Hälfte: eine
ökonomische Erklärung, warum O.N. überhaupt in der Lage war,
diesen Patch zu schreiben, anstatt an einem Closed Source-Programm zu
arbeiten, das ihm einen Warenwert geschaffen hätte. Welche Business
Models erzeugen Nischen, in denen Open Source-Entwicklungen gedeihen
können?
Bevor wir uns an eine Taxonomie von Open Source-Business Models wagen
können, sollten wir uns mit den finanziellen Vorteilen von Closed
Source befassen. Was genau wird durch Geheimhaltung von Source Code
eigentlich geschützt?
Nehmen wir einmal an, Sie engagieren jemanden, der Ihnen ein spezialisiertes
Buchhaltungspaket für Ihre Firma verfassen soll. Das Problem wird durch
Ausschluß der Öffentlichkeit nicht besser gelöst werden, die
einzigen rationalen Gründe für diese Politik sind nur: Sie wollen
dieses Paket an andere weiterverkaufen, oder Sie wollen verhindern,
daß Mitbewerber diese Software auch verwenden.
Die offensichtliche Antwort ist also, daß Sie den Warenwert
schützen, aber für die 95 Prozent der Software, die nur für
den internen Gebrauch geschrieben wird, ist das nicht anwendbar. Was
gewinnen Sie also noch durch Ausschluß der Öffentlichkeit?
Der zweite Grund (Schutz des Wettbewerbsvorteils) erfordert etwas genauere
Untersuchungen. Nehmen wir an, Sie veröffentlichen Ihr Softwarepaket
unter Open Source. Es wird sehr beliebt und gewinnt durch Verbesserungen,
die von der Gemeinde seiner Benutzer vorgenommen werden. Dann beginnnen auch
Ihre Mitbewerber, es zu verwenden - und geniessen alle Vorteile, ohne etwas
investiert zu haben, was für Sie durch Geschäftsrückgang
spürbar wird. Ist das ein Argument gegen eine Veröffentlichung
unter Open Source?
Vielleicht - vielleicht aber auch nicht. Die wirklich wichtige Frage ist, ob
der Gewinn aus der Aufteilung des Entwicklungsaufwands höher ist als
Ihr Verlust durch die erhöhte Konkurrenz der Trittbrettfahrer. Viele
Leute neigen hier zu Fehleinschätzugen, weil sie a) das Mehr an
Funktionalität durch mehr Entwickler ignorieren, und b) sie nicht
sehen, daß die Entwicklungskosten dadurch sinken, die Sie ja aber
ohnedies hätten bestreiten müssen. Diese Entwicklungskosten als
Aufwand für die Veröffentlichung unter Open Source zu verrechnen,
ist aber ein Fehler. Es gibt noch andere Gründe für den
Ausschluß der Öffentlichkeit, die aber alle schlichtweg
irrational sind. Sie könnten beispielsweise unter dem falschen Eindruck
stehen, daß geheimgehaltener Quellcode Ihr Firmensystem sicherer gegen
das Ausspähen von Eindringlingen und Crackern macht. Sollten Sie das
wirklich denken, empfehle ich, augenblicklich die ärztliche Hilfe eines
Kryptographen in Anspruch zu nehmen. Menschen, deren Paranoia ihr Beruf ist,
wissen Besseres, als ihre Sicherheit Closed Source-Programmen anzuvertrauen
- sie haben ihre Erfahrungen in dieser Hinsicht schon auf die schmerzhafte
Art erworben. Sicherheit ist ein Aspekt von Zuverlässigkeit, und nur
Algorithmen und Implementationen kann getraut werden, die von Kollegen in
der Gemeinde gründlich geprüft wurden (merken Sie sich den
Fachausdruck für diese Prüfung durch Kollegen: "Peer Review").
Ein Vorzug der Schlüsselerkenntnis, daß man unter Warenwert und
Gebrauchswert genau unterscheiden muß, ist die Beobachtung, daß
durch Veröffentlichung des Quellcodes nur der Warenwert bedroht ist,
nicht der Gebrauchswert.
Wenn dieser Gebrauchswert und nicht der Warenwert als tatsächliche
treibende Kraft hinter einem Softwareprojekt steht, und (wie das die These in
[CatB] ist) Open Source-Entwicklung wirklich effektiver
und effizienter als die Closed Source-Methode ist, dann sollten wir
Umstände erwarten können, in denen der Gebrauchswert alleine Open
Source-Projekte nachhaltig in Schwung hält.
Tatsächlich ist es nicht schwierig, wenigstens zwei wichtige Modelle
zu identifizieren, bei denen volle Entwikcklergehäter
ausschließlich durch den Gebrauchswert amortisiert werden.
Nehmen wir an, Sie arbeiten für eine Firma, deren Geschäft von
einem extrem zuverlässigen Hochleistungs-Webserver abhängt.
Vielleicht wickelt er e-Commerce ab, vielleicht handelt es sich um einen
berühmten Medienkonzern, der Werbung verkauft, vielleicht ist die Firma
ein Web-Portal. Der Server jedenfalls muß ununterbrochen fehlerfrei
laufen. Gleichzeitig brauchen Sie Leistung und Flexibilität.
Wie können Sie diese Sehnsüchte erfüllen? Im Grunde gibt es
drei Strategien, die Sie verfolgen können:
Kaufen Sie einen proprieritären Webserver. In diesem Fall
verwetten Sie Ihre Nerven darauf, daß der Hersteller mit Ihnen bei
Zielsetzungen und Zukunftsplänen an einem Strang zieht und darauf,
daß der Hersteller die erforderliche technische Kompetenz hat, um den
Server befriedigend zu implementieren. Sogar unter der Annahme, daß
beide Voraussetzungen erfüllt sind, wird das Produkt wahrscheinlich
nicht beliebig anzupassen sein. Sie können nur an den Stellen einhaken,
die der Hersteller für Anpassungen vorgesehen hat. Diese Strategie
eines proprietären Webservers ist nicht gerade beliebt.
Bauen Sie Ihren eigenen Webserver. Die Entwicklung eines eigenen
Webservers ist eine Möglichkeit, die man nicht augenblicklich verwerfen
sollte. So ein Server ist nicht besonders komplex und sicherlich leichter zu
implementieren als ein Browser. Ein spezialisierter Webserver kann sehr
leistungsfähig und sehr schlank sein. Bei dieser Strategie bekommen Sie
ganz genau jene Leistungsmerkmale, die Sie wollen und auch die
Möglichkeit zu beliebigen Anpassungen. Der Preis dafür sind die
Kosten für die Entwicklungsarbeit. Ihre Firma könnte auch zu dem
Schluß kommen, daß sie ein gewaltiges Problem hat, sobald Sie
kündigen oder in Pension gehen.
Treten Sie der Apache Group bei. Der Server Apache wurde von einer
durch das Internet verbundene Gruppe von Webmastern geschaffen, die
erkannten, daß es klüger ist, ihre jeweiligen Aufwendungen
für die Erweiterung und Verbesserung eines einzigen Codepools zu
teilen, um eine große Zahl von parallel laufenden Entwicklungen zu
betreiben. Dadurch kamen sie in den Genuß der Flexibilität eines
selbstgebauten Servers und des gewaltigen Debugging-Muskels
massiv-paralleler Peer Review.
Der Vorteil einer Entscheidung für Apache ist sehr groß. Wie
groß, kann man erkennen, wenn man sich die monatliche Erhebung von
Netcraft ansieht. Sie zeigt, daß Apache seit seiner ersten Freigabe
gegenüber allen anderen proprieritären Webservern mehr und mehr
Marktanteil gewonnen hat. Im Juni 1999 hielt man bei
61 Prozent Marktanteil; - und das
ohne einen Eigentümer, ohne Werbung und ohne Verträge mit
betreuenden Dienstleistungsunternehmen.
Die Geschichte hinter Apache läßt sich in einem Modell
verallgemeinern, bei dem die Benutzer von Software in der
gemeinnützigen Open Source-Entwicklung Vorteile sehen, da Open Source
ihnen ein Produkt beschert, das besser ist als jedes, das sie auf anderem
Weg erhalten können und darüber hinaus auch noch
kostengünstiger ist.
Vor einigen Jahren bekamen zwei Programmierer bei Cisco (dem Hersteller
für Netzwerkausstattung) die Aufgabe, ein verteiltes
Print-Spoolingsystem zu schreiben, das dann in Ciscos Firmennetzwerk
verwendet werden sollte. Das war keine geringe Herausforderung. Neben der
Möglichkeit, einen beliebigen Benutzer A zu einem beliebigen Drucker B
(der im nächsten Zimmer oder tausend Kilometer entfernt sein kann)
drucken zu lassen, sollte das System sicherstellen, daß im Falle eines
Papierstaus oder einer leeren Tonerkassette der Druckjob zu einem anderen
nahe gelegenen Drucker umgeleitet wird. Das System mußte auch in der
Lage sein, solche Probleme an den Druckeradministrator weiterzuleiten.
Das Duo entwickelte einen Satz von cleveren Modifikationen des unter Unix
standardisierten Druckerspoolers und ergänzte einige Scripts, was zur
Erfüllung der Aufgabe ausreichte. Dann erkannten sie, daß sie
(und Cisco) ein Problem hatten.
Das Problem war, daß weder der eine noch der andere ewig bei Cisco
bleiben würde. Irgendwann würden wahrscheinlich beide
Programmierer nicht mehr da sein und die Software würde dann ungewartet
herumliegen und langsam verrotten (d.h. nach und nach mit den
tatsächlichen Gegebenheiten bei Cisco außer Tritt geraten). Kein
Entwickler sieht so etwas gerne, wenn es um die eigenen Werke geht. Unser
Duo stand unter dem gerechtfertigten Eindruck, daß Cisco für eine
Lösung bezahlt hatte, die es bei Cisco wahrscheinlich länger geben
würde als ihre Schöpfer.
Folglich gingen sie zu ihrem Chef und drängten ihn, die Freigabe der
Printspooler-Software als Open Source zu genehmigen. Ihr Argument war,
daß Cisco keinen Verlust von Warenwert zu fürchten hätte.
Durch Förderung einer Benutzergemeinde und Mitentwicklern in vielen
großen Firmen konnte Cisco dem Schaden durch Verlust der
ursprünglichen Entwickler vorbeugen.
Die Geschichte hinter dem Cisco-Druckerspooler läßt sich in einem
Modell verallgemeinern, bei dem die Open Source-Methode nicht so sehr die
Funktion hat, Kosten zu senken, sondern Risiko zu zerstreuen. Alle
Teilnehmer anerkennen dabei, daß die Präsenz einer aktiven
Entwicklergemeinde, die durch mehrere unabhängige Einkommensströme
finanziert wird, mehr Sicherheit bietet. Diese Sicherheit hat selbst einen
wirtschaftlichen Wert, der hoch genug, um Anreize für den Unterhalt
eines solchen Projekts zu schaffen.
Open Source macht die Vergebührung des direkten Warenwerts von Software
schwierig. Das Problem ist kein technisches. Quellcode ist nicht weniger
leicht zu kopieren als Binärdateien, und das Exekutieren der Gesetze
für Lizensierung und Copyright wären nicht notwendigerweise
komplizierter als für Closed Source-Produkte.
Die Schwierigkeit liegt mehr in der Natur der sozialen Abkommen, die Open
Source-Projekte ermöglichen. Aus drei einander bestärkenden
Gründen verbieten die Open Source-Lizenzen die meisten
Einschränkungen beim Gebrauch, der Weitergabe und Veränderung, die
eine Einhebung direkter Gebühren für den Verkauf bedeuteten
würde. Um diese Gründe zu verstehen, müssen wir den sozialen
Kontext untersuchen, in dem sich diese Lizenzen entwickelt haben; die Rede
ist von der
Internet-Hackerkultur.
Trotz der Mythen, die es auch 1999 noch über die Hackerkultur gibt, hat
keiner dieser Gründe mit Marktfeindlichkeit zu tun. Während
tatsächlich nur eine Minderheit Gewinnmotiven feindlich gegenüber
steht, demonstriert die allgemeine Bereitschaft der Gemeinde, mit
gewinnorientierten Vertriebsfirmen wie Red Hat, SUSE und Caldera zu
kooperieren, daß die meisten Hacker gerne mit der Geschäftswelt
zusammenzuarbeiten, wenn es ihnen nützt. Der wahre Grund, aus dem
Hacker direkte Erträge aus dem Verkauf von Lizenzen ablehnen, sind
subtiler und interessanter.
Ein Grund hat mit Symmetrie zu tun. Während die meisten Open
Source-Entwickler nicht grundsätzlich Einwände erheben, wenn
andere von ihren Spenden profitieren, verlangen die meisten, daß
niemand in einer
privilegierten Position sein darf, zu Profiten zu
kommen. Otto Normalhacker ist einverstanden, daß Firma Beutelschneyder
& Bluffer durch den Verkauf der Software Gewinn macht, aber nur solange,
wie auch Otto selbst diese Möglichkeit hat.
Ein weiterer Grund hat mit unbeabsichtigten Folgen zu tun. Hacker konnten
beobachten, daß Lizenzen Einschräkungen und Gebühren
für den 'kommerziellen' Gebrauch oder den Verkauf (eine sehr
übliche Form der Einhebung des direkten Warenwerts, und keine, die so
unangemessen ist, wie es auf den ersten Blick aussieht) einige
ernstzunehmende Auswirkungen hat. Eine sehr konkrete ist der juristische
Schatten, der dadurch über Aktivitäten wie den Vertrieb durch
günstige CD-ROM-Anthologien geworfen wird, zu denen wir aber eigentlich
ermuntern sollten. Allgemeiner ausgedrückt, führen
Einschränkungen für die Verwendung, Veränderung, Verkauf und
Vertrieb zu Unkosten für die Kontrolle und Exekutierung dieser
Einschränkungen und zu einem Klima der Angst vor juristischen Risken.
Diese Wirkung wird zu Recht als schädlich angesehen, und es gibt daher
einen starken sozialen Druck in Richtung simple gehaltener Lizenzen, die
frei von Einschränkungen sind.
Der letzte und wichtigste Grund hat mit der Dynamik der Geschenkekultur
(beschrieben in
[HtN] zu tun, die ja ständige Kritik
und Verfeinerung durch Kollegen (peer-review) ermöglicht.
Einschränkungen in den Lizenzen, die geistiges Eigentum schützen
oder den Warenwert erhalten sollen, haben oft den Effekt, daß es
juristisch unmöglich wird, unabhängige Entwicklungszweige für
ein Projekt einzurichten (ein Beispiel dafür ist Suns sogenannte
"Community Source License" für Jini und Java). Obwohl so ein "forking"
allgemein unbeliebt ist und nur als ein Notbehelf gesehen wird (aus
Gründen, die in
[HtN]
ausführlich erörtert werden), gilt es als wichtig, auf diesen
Notbehelf zurückgreifen zu können, wenn sich der Betreiber des
Projekts als inkompetent herausstellt oder einen Rückzieher macht (also
zu einer weniger öffentlichen Lizenz übergeht).
Die Hackergemeinde hat Einfluß bei der Symmetrie, daher toleriert sie
Lizenzen wie Netscapes NPL, die dem Urheber des Codes einige
Gewinn-Privilegien einräumen (was bei NPL besonders ausgeprägt
ist: es beinhaltet das exklusive Recht, den öffentlichen
Mozilla-Quellcode für davon abgeleitete Produkte zu verwenden, darunter
eine Closed Source-Version). Sie hat weniger Einfluß bei den
ungewollten Konsequenzen und gar keine bei der Möglichkeit, einen
neuen, unabhängigen Entwicklungszweig ("fork") zu schaffen und zu
verfolgen (was der Grund für die Ablehnung von Suns "Community License"
(Geimeindelizenz) für Java und Jini ist).
Diese Gründe erklären die Klauseln der Open Source-Definition, die
geschrieben wurde, um dem Konsens der Hacker-Gemeinde über die
zentralen Merkmale der Standardlizenzen (GPL, BSD-Lizenz, MIT-Lizenz und
Artistic License) zu entsprechen. Diese Klauseln haben den Effekt (aber
nicht die Absicht) das Einheben des direkten Warenwert sehr schwierig zu
machen.
Nichtsdestoweniger gibt es Wege, auf denen man Märkte für
Software-bezogene Dienstleistungen erzeugen kann, die so etwas wie den
indirekten Warenwert vergüten. Dafür gibt es fünf bekannte
und zwei spekulative Modelle (in Zukunft könnten noch mehr entwickelt
werden).
Bei diesem Modell verwendet man Open Source-Software, um sich auch mit
proprietärer Software am Markt zu positionieren, die direkt
vergütet wird. Die üblichste Variante ist, Open Source-
Klientensoftware zu verschenken, um Server-Software verkaufen zu
können, oder mit Open Source-Produkten eine Website zu promoten, die
Gewinne abwirft (sei es durch Vergebührung von Mitgliedschaften oder
Werbung).
Netscape Communications, Inc.
verfolgte diese Strategie und veröffentlichte im März 1998 den
Quellcode für ihren Browser Mozilla. Die Browser-Seite ihres
Geschäfts machte nur 13% der Erträge aus, und sank noch weiter,
als Microsoft mit dem ersten Internet Explorer herauskam. Die aggressive
Vermaktung des IE (und zweifelhafte Bundling- Praktiken, die später zum
Gegenstand eines Anti-Kartellverfahrens wurden) erodierte sehr schnell
Netscapes Anteil am Browser- Markt und führte zur Sorge, daß
Microsoft die Monopolisierung des Browsermarktes anstrebte und dann die
de-facto-Kontrolle über HTML verwenden würde, um Netscape vom
Server-Markt zu verdrängen.
Durch Veröfentlichung des Quellcodes für ihren noch immer sehr
beliebten Browser versperrte Netscape Microsoft praktisch die
Möglichkeit, sich ein Monopol zu schaffen. Sie erwartete, daß die
Open Source-Kollaboration den Entwicklungs- und Korrekturprozeß
ankurbeln würde und hofften, daß Microsofts IE beim Wettrennen um
die Definition von HTML auf ein bloßes Hinterherlaufen reduziert
werden würde.
Diese Rechnung ging auf. Im November 1998 eroberte Netscape Marktanteile vom
IE zurück. Zum Zeitpunkt, als Netscape durch AOL übernommen wurde
(Anfang 1999) war der Wettbewerbsvorteil klar genug, daß AOLs erste
Verlautbarung war, das Mozilla-Projekt weiterhin zu unterstützen.
Dieses Modell ist eines für Hardware-Hersteller. "Hardware" bedeutet in
diesem Zusammenhang jegliche Peripherie, Erweiterungskarten und komplette
Computersysteme. Der Marktdruck zwang die Hersteller, Software für ihre
Hardware zu entwickeln (von Gerätetreibern über
Konfigurationssoftware bis zu kompletten Betriebssystemen), die aber selbst
keine Gewinne abwirft. Sie stellt Unkosten dar, oft sehr hohe.
In dieser Situation macht die Veröffentlichung des Quellcodes keine
Umstände. Es gibt keine Erträge zu verlieren, daher fällt
diese Schattenseite weg. Was der Hersteller gewinnt ist ein ungleich
größerer Pool von Entwicklern, rascheres und flexibleres
Reagieren auf die Bedürfnisse der Kunden und mehr Zuverlässigkeit
durch Peer Review. Portierungen auf andere Plattformen erfolgen kostenlos.
Dazu kommt wahrscheinlich noch erhöhte Kundenloyalität, da die
technischen Stäbe der Kunden mehr Zeit in den Code und Anpassungen
investieren, die sie wirklich benötigen.
Es gibt aber eine Reihe von Einwänden, die Hersteller vorbringen,
typischerweise in Zusammenhang mit Gerätetreibern. Statt deren
Diskussion hier mit den allgemeineren Belangen zu verwässern, habe ich
ihr einen eigenen
Anhang; gewidmet.
Das Resultat der "Zukunftssicherheit" von Open Source ist in Hinblick auf
dieses "Glasurmodell" besonders ausgeprägt. Hardware-Produkte haben
eine begrenzte Lebensdauer und werden nicht ewig betreut; danach sind die
Kunden auf sich allein gestellt. Wenn sie aber Zugang zum Quellcode haben
und gewünschte Anpassungen selbst vornehmen können, ist es
wahrscheinlicher, daß sie zufrieden sind und immer wieder kommen.
Ein sehr dramatisches Beispiel für die Anwendung der Glasurmethode war
Apple Computers Entscheidung, die Mitte März 1999 gefallen ist:
"Darwin", der Kern ihres MacOSX Server- Betriebssystems, wurde Open Source.
Bei diesem Modell schafft man sich durch Open Source-Software eine Position
am Markt für Dienstleistungen, nicht am Markt für Closed
Source-Software.
(Früher nannte ich das "Rasierer herschenken, Klingen verkaufen", die
Verbindung ist aber nicht so stark wie in der Analogie Rasierer/Klingen).
Das ist es, was Red Hat und andere Linux-Distributoren tun. Sie verkaufen
nicht wirklich die Software, die Bits selbst, sondern den Mehrwert, der
durch Zusammenstellen und Testen eines funktionierenden Betriebssystems
entsteht. Sie verkaufen die (wenn auch nur implizite) Garantie, daß es
sich dabei um ein serienreifes Produkt handelt, das mit allen anderen
Exemplaren vom selben Hersteller kompatibel ist. Weitere Elemente dieses
Business Models sind etwa kostenloser Support für die Installation und
Optionen auf Verträge für technische Betreuung.
Diese Markt-erzeugende Wirkung von Open Source kann sehr stark sein,
besonders bei Firmen, die sich zwangsläufig ohnehin in einer
Dienstleisterposition befinden. Ein sehr lehrreiches akuelles Beispiel ist
Digital Creations, eine Web-Designfirma, die auf komplexe Datenbank- und
Transaktionssites spezialisiert ist. Ihr zentrales Tool, die Kronjuwelen
geistigen Eigentums, ist ein Object Publisher, der schon mehrere
Namensgebungen und Inkarnationen hinter sich hat und jetzt Zope heißt.
Als die Leute bei Digital Creations sich um Venture Capital umsahen,
analysierte ein interessierter VC die anvisierte Marktnische der Firma, die
Leute und die Tools. Seine Empfehlung lautete dann, den Quellcode von Zope
als Open Source zu veröffentlichen.
Nach den traditionellen Maßstäben der Software-Industrie sah das
nach einem völlig durchgeknallten Schachzug aus. Die konventionelle
Weisheit der Betriebswirte lautet hier, daß die eigentliche Substanz
der Firma in ihrer Software Zope liegt und unter keinen Umständen
hergegeben werden darf. Der VC hatte aber zwei miteinander verwandte
Einsichten. Die eine ist, daß Digital Creations' eigentliche Substanz
die Gehirne und die Talente seiner Leute ist. Die zweite Einsicht ist,
daß Zope als markterzeugendes Produkt mehr Wert schaffen kann als wenn
es von der Firma unter Verschluß gehalten wird.
Um das zu erkennen sollte man zwei Szenarios miteinander vergleichen. Im
konventionellen Szenario bleibt Zope Digital Creations' Geheimwaffe.
Unterstellen wir, daß das sehr gut funktioniert. Das Ergebnis wird
sein, daß die Firma überlegene Qualität schneller liefern
kann als die Konkurrenz -
aber niemand kann das wissen. Es wird sehr
leicht sein, Kunden glücklich zu machen, aber sehr schwierig,
überhaupt einen Kundenstamm aufzubauen.
Der VC sah aber, daß die Veröffentlichung von Zope zur
wichtigsten Reklame für Digital Creations tatsächliche Substanz
werden könnte - ihre Mitarbeiter. Seine Erwartung war, daß die
Kunden beim Erwägen von Zope es für günstiger halten
würden, die Experten anzuheuern, als eigenes Zope-Know-How zu
erarbeiten.
Einer der Köpfe hinter Zope hat in der Zwischenzeit bestätigt,
daß die Open Source-Strategie "viele Türen geöffnet hat, die
anderfalls verschlossen geblieben wären". Potentielle Kunden reagieren
tatsächlich auf die Logik hinter dieser Situation - und Digital
Creations geht es dementsprechend sehr gut.
Ein weiteres, minutenaktuelles Beispiel ist
e-smith, inc. Diese Firma verkauft
Support-Verträge für schlüsselfertige Open
Source-Internetserver-Software, ein angepasstes Linux. Einer seiner Leiter
kommentiert
das Wachstum der kostenlosen Downloads so: "Die meisten Firmen würden
das als Raubkopien ansehen, wir halten es für Gratiswerbung".
Bei diesem Modell verkauft man Zubehör ("Accessories") für Open
Source-Software. Am unteren Ende wären das Kaffeehäferl und
T-Shirts, am oberen Ende professionell redigierte und produzierte
Dokumentation.
O'Reilly Associates, der Herausgeber vieler hochwertiger Standardwerke
über Open Source-Software, ist ein gutes Beispiel für so eine
Zubehörfirma. O'Reilly beschäftigt und unterstützt viele
bekannte Open Source-Hacker (wie Larry Wall und Brian Behlendorf), um ihre
Reputation am von ihnen gewählten Markt zu festigen.
Bei diesem Modell veröffentlicht man nur die Binaries unter einer
Closed License, die aber ein Ablaufdatum für den Ausschluß der
Öffentlichkeit enthält. Die Lizenz sieht dann beispielsweise so
aus, daß sie die freie Weitergabe gestattet, aber die kommerzielle
Nutzung ohne Gebühr verbietet und garantiert, daß die Software
ein Jahr nach dem Herauskommen oder nach einem Bankrott des Herstellers
unter der Open Source-Lizenz (GPL) freigeben wird.
Durch dieses Modell können die Kunden sicher sein, daß das
Produkt an ihre Bedürfnisse angepaßt werden kann, da sie den
Quellcode bekommen werden. Das Produkt ist zukunftssicher , da es die
Garantie gibt, daß die Open Source-Gemeinde das Produkt
übernehmen kann, sollte die Herstellerfirma sterben.
Da der Verkaufspreis und die Umsätze auf diesen Erwartungen der Kunden
beruhen, sollte der ursprüngliche Hersteller mehr Gewinn machen als
durch eine ausschließliche Closed Source-Lizenz. Darüber hinaus
wird älterer Code, der unter die GPL gestellt ist, einer
gründlichen Peer Review unterzogen und durch Verbesserungen und
Fehlerbehebungen wird dem Hersteller ein Teil der 75 Prozent-Last der
Wartung von den Schultern genommen.
Dieses Modell wurde von Alladin Enterprises für ihr Programm
Ghostscript (ein PostScript-Interpreter für eine Reihe von Non-
PostScript-Druckern) erfolgreich angewendet.
Der Hauptnachteil dieses Modells ist, daß der Ausschluß der
Öffentlichkeit Peer Reiview und Anteilnahme in den Anfangsstadien des
Produktzyklus unmöglich macht, also genau dann, wenn das am dringensten
benötigt wird.
Dies ist ein spekulatives Business Model. Man veröffentlicht den
Quellcode einer Softwaretechnologie, behält sich eine Test-Suite oder
einen Reihe von Kompatibilitätskriterien vor und verkauft dann den
Benutzern ein Gütesiegel, das einer bestimmten Implementation einer
Technologie Kompatiblität mit allen anderen Trägern des Siegels
attestiert.
(So sollte Sun Microsystems Java und Jini handhaben).
Dies ist ein weiteres spekulatives Business Model. Stellen Sie sich etwa
einen Börsenticker-Service vor. Der Wert liegt weder in der
Klientensoftware noch dem Server, sondern im Liefern von objektiver und
stichhaltiger Information. Daher veröffentlicht man alle Software und
verkauft Abonnaments der Inhalte. Wenn Hacker den Klienten auf neue
Plattformen portieren und in verschiedener Weise verbessern,
vergrößert sich automatisch Ihr Markt .
(Aus diesem Grund sollte AOL den Quellcode seiner Klientensoftware
öffentlich zugänglich machen).
Nach der Untersuchung der Business Models, die Open Source- Entwicklungen
fördern, können wir uns an die allgemeine Frage wagen, wann es
wirtschaftlich Sinn macht, seinen Quellcode zu veröffentlichen und wann
nicht. Zunächst müssen wir uns aber darüber klar werden, was
die jeweiligen Vorzüge der beiden Strategien sind.
Der Closed Source-Ansatz gestattet es Ihnen, Gebühren für
eingekapslete Bits einzuheben; auf der anderen Seite schließt er die
Möglichkeit wirklich unabhängiger Peer Review aus. Der Open
Source-Ansatz schafft die Voraussetzungen für unabhängige Peer
Review, schließt aber die Vergebührung eingekapselter Bits aus.
Der Gewinn aus dem Besitz unzugänglicher Bits ist leicht zu verstehen;
traditionelle Software-Business Models sind darum herum aufgebaut. Bis vor
kurzem war ein gutes Verständis des Gewinns aus Peer Review nicht so
verbreitet. Das Betriebssystem Linux aber zeigt, was wir wahrscheinlich
schon vor Jahren lernen hätten können, und zwar aus der Geschichte
der Kernsoftware des Internet und anderen Ingenieursfakultäten -
daß Peer Review die einzige in großem Stil anwendbare Methode
ist, um hohe Qualität und Zuverlässigkeit zu erzielen.
Auf einem wettbewerbsorientierten Markt, auf dem Kunden hohe Qualität
und Zuverlässigkeit suchen, werden daher jene Software- Produzenten
belohnt werden, die ihren Quellcode veröffentlichen und herausfinden,
wie sie durch Anbieten von Service, Value-Add und durch Zusatzmärkte
Gewinne machen können. Dieses Phänomen ist es, daß hinter
dem bemerkenswerten Erfolg von Linux steht, das 1996 aus dem Nichts
auftauchte, Ende 1998 17 Prozent des Business Server-Marktes erobert hatte
und voraussichtlich innerhalb der nächsten zwei Jahre zur dominierenden
Plattform auf diesem Markt werden wird (Anfang 1999 prognostizierte IDC,
daß Linux bis zum Jahr 2003 schneller wachsen wird als alle anderen
Betriebssysteme zusammen).
Von fast ebenso großem Wert ist der Nutzen, den Open Source stiftet,
wenn es um offene Standards und das Erzeugen von Märkten dafür
geht. Das dramatische Wachstum des Internet verdankt sehr viel dem Umstand,
daß TCP/IP niemandem gehört und niemand daher die
Schlüsselprotokolle des Internet in einem proprietären
Würgegriff hält.
Die Netzwerkeffekte hinter dem Erfolg von TCP/IP und Linux sind ziemlich
klar und reduzieren sich letztlich auf Belange wie Vertrauen und Symmetrie -
potentielle Nutzer einer gemeinsamen Infrastruktur können
logischerweise mehr Zuversicht in ein System haben, von dem sie jedes Detail
nachprüfen können und werden daher eine Infrastruktur bevorzugen,
an der alle Parteien symmetrische Rechte haben. Daneben werden Systeme
schnell unattraktiv, die eine einzelne Partei in eine privilegierte Position
versetzen und die in der Folge Kontrolle ausübt oder Gebühren
einhebt.
Es gibt aber keine zwingende Notwendigkeit, für die Wichtigkeit von
Symmetrie für Software-Konsumenten Netzwerkeffekte vorauszusetzen. Kein
Softwarekonsument wird sich aus rationalen Gründen dazu
entschließen, sich in ein herstellerkontrolliertes Monopol
einzusperren, wenn es irgendeine Open Source- Alternative von vergleichbarer
Qualität gibt. Dieses Argument bekommt noch mehr Gewicht, wenn Software
für das Geschäft des Konsumenten ein ausschlaggebender Faktor ist
- um so wichtiger sie ist, um so weniger wird ein Konsument Kontrolle durch
einen Außenstehenden tolerieren.
Schließlich ist Zukunftssicherheit ein weiterer wichtiger Vorzug von
Open Source-Software und die steht in engem Zusammenhang mit Vertrauen. Wenn
der Quellcode öffentlich ist, hat der Kunde wenigstens ein letztes
Mittel für den Fall zur Hand, daß der Distributor bankrott geht.
Das kann für das "Glasierungsmodell" besonders wichtig
werden, da Hardware zu sehr kurzen Lebenszyklen tendiert, der Effekt ist
aber allgemein anwendbar und ergibt automatisch einen zunehmenden Wert
für Open Source- Software.
Wenn die Gebühr für eingekapselte Bits höher liegt als der
Ertrag aus Open Source, macht es ökonomischen Sinn, die Closed
Source-Methode anzuwenden. Wenn die Erträge aus Open Source höher
sind als die Gebühr für geheime Bits, macht es Sinn, die Closed
Source-Methode anzuwenden.
Das ist natürlich eine triviale Beobachtung. Nicht trivial ist aber die
Bemerkung, daß der Vorzug der Open Source-Methode schwieriger zu
messen und vorherzusehen ist als die Erträge aus eingekapselten Bits -
dazu kommt, daß der Vorzug öfter unterschätzt als
überschätzt wird. Tatsächlich war es bis zu dem Zeitpunkt,
als der Mainstream der Geschäftswelt durch das Echo auf die
Veröffentlichung des Mozilla-Quellcodes die Vorzüge von Open
Source neu überdachte so, daß die Vorteile von Open Source mit
dem Wert Null veranschlagt wurden.
Wie können wir also den Wert von Open Source evaluieren? Das ist eine
schwierige Frage, aber wir können den selben Ansatz wie für jede
andere prognostische Problemstellung verwenden. Beginnen wir mit den
Beobachtungen von Fällen, in denen die Open Source-Methode ein Erfolg
war oder versagte. Wir können dann versuchen, daraus ein allgemeines
Modell zu entwickeln, das uns wenigstens ein Gefühl für den
Kontext verschafft, in dem Open Source ein Nettogewinn für den Investor
oder das Unternehmen ist, das versucht, die Erträge zu maximinieren.
Danach können wir zu unseren Daten zurückkehren und versuchen, das
Modell zu verfeinern.
Durch die in
[CatB] präsentierte Analyse können
wir erwarten, daß Open Source von hohem Wert ist, wenn a)
Zuverlässigkeit/Stabilität/Skalierbarkeit von ausschlaggebender
Bedeutung sind, und b) die Korrektheit des Designs und der Implementation nur
auf dem Weg der unabhängigen Peer Review verifiziert werden kann. (Dieses
zweite Kriterium gilt in der Praxis für die meisten nicht-trivialen
Programme).
Das verständliche Bedürfnis des Konsumenten, möglichst nicht
in die Falle eines Herstellermonopols zu gehen, wird das Interesse an Open
Source erhöhen (und daher den Wettbewerbsdruck auf Hersteller
erhöhen, die Open Source-Methode zu unterstützen), wenn die
Software für den Konsumenten von zentraler Bedeutung ist. Daher gibt es
noch ein drittes Kriterium c), das in Richtung Open Source drängt: die
Software ist ein geschäftskritischer Faktor (wie das zum Beispiel bei
vielen MIS-Abteilungen großer Firmen der Fall ist).
Für das Gebiet der Applikationen haben wir bereits festgestellt,
daß Open Source-Infrastruktur Vertrauen und Symmetrie schafft, die mit
der Zeit mehr Kunden anziehen wird und Closed Source- Infrastruktur in den
Hintergrund drängen wird. Oft ist es auch besser, ein kleineres
Stück eines solchen rapide wachsenden Marktes zu haben, als ein
großes Stück eines geschlossenen und stagnierenden Marktes. Dem
entsprechend ist es für die anvisierte Allgegenwart von Open Source
wahrscheinlicher, daß der Wert höher und nachhaltiger ist als der
einer kurzsichtigen Closed Source-Politik, die an der Vergebührung von
geistigem Eigentum orientiert ist.
Tatsächlich impliziert die Fähigkeit von potentiellen Kunden,
über die zuküftigen Konsequenzen von Herstellerstrategien
nachzudenken und ihr Widerstand gegen Herstellermonopole eine noch
schwerwiegendere Einschränkung: auch ohne einen
überwältigenden Marktanteil kann man sich entweder für eine
mögliche vollständige Marktdurchdringung durch Open Source oder
direkte Gewinne durch Verkauf von Closed Source-Software entscheiden, aber
nicht beides zusammen. (Einer Analogie dieses Prinzips begegnen wir
beispielsweise auf Märkten für Elektronik, auf denen Kunden sich
oft weigern, exklusive Designs - d.h solche ohne einen alternativen
Hersteller - zu kaufen). Man kann es auch weniger negativ darstellen: wo
Netzwerkeffekte (positive Netzwerkexternalitäten) eine dominierende
Rolle spielen, ist Open Source wahrscheinlich der richtige Weg.
Wir können diese Logik durch die Beobachtung zusammenfassen, daß
Open Source dort höhere Erträge als Closed Source verspricht, wo
(d) die Software eine gemeinsame Datenverarbeitungs- oder
Kommunikationsinfrastruktur hervorbringt oder fördert.
Schließlich noch die Bemerkung, daß die Betreiber einzigartiger
oder auch nur hochgradig differenzierter Dienstleistungen einen höheren
Anreiz haben, sich vor der Plagiierung ihrer Methoden durch Mitbewerber zu
fürchten, als Dienstleister, deren zentrale Algorithmen und Kompetenzen
allgemein verstanden werden. Dem entsprechend ist es für Open Source
wahrscheinlicher, Gebiete zu dominieren, wenn (e) die Schlüsselmethoden
(oder funktionalen Äquivalente) Teil allgemein bekannter
Ingenieurskunst sind.
Die Kernsoftware des Internet, Apache und die Linux- Implementation des
ANSI-standardisierten Unix API sind Schulbuchbeispiel für alle
fünf Kriterien. Vor dem Zusammenwachsen von Datennetzwerken durch
TCP/IP Mitte der 1990er gab es fünfzehn Jahre lang vergebliche
Bemühungen, auf diesem Gebiet proprietäre Imperien zu errichten,
auf der Grundlage von geschlossenen Protokollen wie DECNET, XNS, IPX und
anderen. Diese Konvergenz illustriert die Rolle, die Open Source bei der
Evolution solcher Märkte spielt.
Auf der anderen Seite scheint Open Source für Firmen den geringsten
Wert zu haben, die über einzigartige wertschöpfende
Software-Technologie verfügen (die Kriterium (e) erfüllt, relativ
unempfindlich für Ausfälle ist (a), sehr gut auf anderem Weg als
unabhängige Peer Review verifiziert werden kann (b), nicht
geschäftskritisch ist (c) und dessen Wert nicht durch vollständige
Marktdurchdringung oder Netzwerkeffekte gesteigert wird (d)).
Hier ein Beispiel für einen solchen Extremfall. Anfang 1991 wurde ich
von einer Firma nach der Sinnhaftigkeit gefragt, ihren Quellcode zu
veröffentlichen. Die Firma stellte Software her, die Schnittbilder
für Sägewerke berechnet, um die Länge von Brettern zu
maximieren, in die ein Baumstamm aufgeteilt werden kann. Meine Antwort auf
diese Frage lautete "Nein". Das einzige Kriterium, das durch die Software
wenigstens halbwegs erfüllt wurde, ist (c); owbohl ein erfahrener
Werkmeister die Schnittmuster in der Praxis auch händisch berechnen
könnte.
Als weiteren springenden Punkt muß man im Auge behalten, daß
sich die Position eines Produkts oder einer Technologie auf diesen Skalen
mit der Zeit verändern kann, wie wir das in der nächsten
Fallstudie beobachten können.
In Summe kann man sagen, daß folgende Merkmale Evolutionsdruck in
Richtung Open Source erzeugen:
(a)
Zuverlässigkeit, Stabilität und Skalierbarkeit sind von
ausschlaggebender Bedeutung
(b)
Die Korrektheit des Designs und der Implementation kann nicht leicht auf
anderem Weg als dem der unabhängigen Peer Review überprüft
werden.
(c)
Die Software ist für den Benutzer geschäftskritisch
(d)
Die Software etabliert oder ermöglicht eine gemeinsame Computer- oder
Kommunikationsinfrastruktur.
(e)
Die Schlüsselmethoden (oder deren funktionale Äquivalente) sind
Teil wohlbekannter Ingenieurskunst.
Die Geschichte von
id Softwares Spiele-Bestseller Doom illustriert
die Wege, auf denen der Druck des Marktes und Produktevolution die
Größenverhältnisse beim Gewinn von Closed vs. Open Source
bedeutend verändern können.
Als Doom Ende 1993 erstmals herauskam, machten es seine Echtzeitanimation
und subjektive Kamera einzigartig (was die Antithese zu Kriterium (e)
darstellt). Nicht nur waren die Techniken und die visuelle Wirkung
atemberaubend, auch konnte niemand herausfinden, wie diese Resultate mit den
verhältnismäßig schwachen Mikroprozessoren der damaligen
Zeit erzielt werden konnten. Diese eingekapselten Bits hatten für den
Verkauf einen bedeutenden Wert. Daher lohnte sich die Veröffentlichung
des Quellcodes so gut wie gar nicht. Das Spiel war für nur einen
Spieler, ein Ausfall der Software war tolerierbar (a), das korrekte
Funktionieren war nicht weiter schwierig zu überprüfen (b), von
geschäftskritisch konnte keine Rede sein (c), und es gab keine Aussicht
auf Netzwerkeffekte (d). Es war ökonomisch sinnvoll, den Quellcode
für Doom unter Verschluß zu halten.
Der Markt um Doom stand aber nicht still. Zukünftige Mitbewerber
erfanden funktionale Äquivalente für die Techniken zur Animation,
und andere "first-person shooter"-Spiele wie Duke Nukem kamen heraus. Mit
zunehmenden Marktanteil für Konkurrenten für Doom schrumpfte der
Wert für die Vergebührung eingekapselter Bits.
Auf der anderen Seite brachte der Aufwand, diesen Marktanteil zu
vergrößern, neue technische Herausforderungen mit sich -
höhere Ausfallsicherheit, mehr Leistungsmerkmale, ein
größerer Benutzerstamm und mehrere Plattformen. Mit dem
Auftauchen von "Todesmatch"-Spielmodi und Doom-Onlinevermittlungen für
Spielpartner begann der Markt signifikante Netzwerkeffekte zu zeigen. All
das verzehrte Programmiererzeit, die
id lieber in das nächste
Spiel invstiert hätte.
Alle diese Trends erhöhten das Ausmaß in dem sich die
Veröffentlichung des Quellcodes lohnte. Ab einem gewissen Punkt
schnitten sich die Kurven des Nutzens und es machte für id
ökonomischen Sinn den Quellcode für Doom freizugeben und ihr Geld
auf Sekundärmärkten wie Szenario-Anthologien zu verdienen.
Irgendwann nach dem Erreichen dieses Punktes wurde dieses neue Business
Model Wirklichkeit. Dooms kompletter Quellcode wurde Ende 1997
veröffentlicht.
Doom ist eine interessante Fallstudie, da es sich weder um ein
Betriebssystem noch um Kommunikations- oder Netzwerksoftware handelt; es ist
von den üblichen und offensichtlichen Beispielen für Open
Source-Erfolge weit entfernt. Tatsächlich ist Dooms Lebenszyklus -
komplett mit Schnittpunkten der Nutzenkurven - vielleicht ein
zukünftiges Schulbuchbeispiel für Applikationen in der heutigen
Codeökologie, eine in der sowohl Kommunikation und Distributed
Computation hohe Anforderungen an die
Robustheit/Zuverlässigkeit/Skalierbarkeit stellen, der nur durch Peer
Review entsprochen werden kann, und die oft die Grenzen zwischen technischem
Substrat und einander konkurrierenden Akteuren verwischen (mit allen
impliziten Belangen des Vertrauens und der Symmetrie).
Doom evolvierte vom Solo- zu einem Todesmatch-Spiel. Mehr und mehr wird das
Netzwerk zum Computer. Ähnliche Trends sind sogar bei den
konservativsten Business-Applikationen sichtbar - wie etwa ERPs. Die
Geschäftswelt verbindet Firmennetzwerke mit denen ihrer Lieferanten und
Kunden. Die ganze Architektur des World Wide Web ist natürlich ein
zentrales Beispiel für diese Trends. Aus all dem folgt, daß der
Nutzen von Open Source mehr und mehr steigt.
Wenn die gegenwärtigen Trends sich fortsetzen, wird die bedeutendste
Herausforderung an die Software-Technologie und das Produktmenagement im
nächsten Jahrhundert sein, zu wissen, wann man seinen Quellcode aus dem
Tresor an die Öffentlichkeit bringen und in die Open
Source-Infrastruktur integrieren soll, um den Effekt von Peer Review
auszunutzen und durch Dienstleistungen und Sekundärmärkte in den
Genuß höherer Erträge zu kommen.
Es gibt offensichtliche Gewinnanreize, den Schnittpunkt der Nutzenkurven
nicht zu sehr zu in die eine oder die andere Richtung zu verfehlen.
Darüber hinaus gibt es ein ernstes Opportunitätsrisiko, wenn man
zu lange wartet - man könnte von einem Mitbewerber verdrängt
werden, der seinen Quellcode in der selben Nische vorher
veröffentlicht.
Der Grund für die Schärfe dieser Verfehlung ist, daß sowohl
der Pool von Benutzern als auch der Pool von Talenten, die für eine
Open Source-Kooperation für ein bestimmtes Produkt rekrutiert werden
können, sehr begrenzt ist und diese Rekrutierung die Tendenz hat, ein
für alle mal zu erfolgen. Wenn zwei Hersteller als erster und zweiter
mit ihrem Quellcode herauskommen, der ungefähr die gleiche
Funktionalität hat, dann wird wahrscheinlich der erste die meisten
Benutzer und die am höchsten motivierten Mitentwickler für sich
gewinnen können. Der zweite wird nur bekommen, was übrig bleibt.
Die Rekrutierung ist nachhaltig, da die Benutzer sich an das Produkt
gewöhnen und die Entwickler ihre Investitionen in den Code weiter
nutzen wollen.
Die Open Source-Gemeinde hat sich in einer Weise selbst organisiert, die
Durchschlagskraft und Produktivität des Open Source-Modells noch
verstärkt. Besonders in der Linux-Welt ist eine ökonomisch
bedeutsame Tatsache die, daß es mehrere miteinander konkurrierende
Linux-Distributoren gibt, die eine von den Entwicklern gesonderte Schicht
bilden.
Die Entwickler schreiben Code und machen ihn über das Internet
allgemein verfügbar. Jeder Distributor wählt eine bestimmte
Untermenge aus dem bereitgestellten Code aus, verpackt ihn, stempelt ihm
seinen besonderen Markennamen auf und verkauft ihn an seine Kunden. Die
Benutzer haben die Wahl zwischen mehreren Distributionen und können
eine Distribution selbst ergänzen, indem sie weiteren Code direkt von
den Entwicklersites herunterladen.
Der Effekt dieser separaten Schichten ist, daß sie einen sehr
lebhaften und reibungslosen internen Markt für Verbesserungen erzeugen.
Die Entwickler konkurrieren in der Arena der Softwarequalität um die
Zuwendung der Distributoren und Benutzer. Die Distributoren konkurrieren in
der Arena der Zweckmäßigkeit ihrer Auswahl und des Supports von
Code um Benutzerdollars.
Ein unmittelbarer Effekt dieser internen Marktstruktur ist es, daß
kein Knoten im Netz unentbehrlich ist. Entwickler können aussteigen;
sogar wenn ihr Teil des Codes nicht direkt von anderen weiterentwickelt
wird, kann im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit sehr rasch ein funktionales
Äquivalent geschaffen werden. Distributoren können bankrott machen
oder sich vom gemeinsamen Open Source-Code absondern. Die Ökologie als
Ganzes reagiert schneller auf Marktforderungen und ist für Schocks
jeglicher Art weniger anfällig als das monolithischen Herstellern von
Closed Source-Betriebssystemen prinzipiell überhaupt möglich ist.
Ein weiterer wichtiger Effekt sind geringere Unkosten und erhöhte
Produktivität durch Spezialisierung. Entwickler werden nicht durch jene
Tyrannei geplagt, die konventionelle Closed Source-Projekte sehr oft mit sich
bringen und sie in Sümpfe verwandelt - es gibt keine sinnlosen und
ablenkenden Leistungsmerkmale, die vom Marketing vorgegeben werden, um
möglichst viele Punkte auf die Verpackung drucken zu können; es gibt
kein inkompetentes Management, das die Verwendung von unzulänglichen
Programmiersprachen oder veralteten Entwicklungsumgebungen erzwingt; es gibt
keine Forderung nach dem "Neuerfinden des Rades" im Namen der
Produktdifferenzierung oder des Schutzes von geistigem Eigentum; und es gibt
auch keine - und das wiegt am schwersten -
Termine. Es gibt keinen
Druck, Version 1.0 noch vor einer befriedigenden Vollendung bei der Tür
hinauszubringen - was im allgemeinen nicht nur zu höherer Qualität,
sondern auch einer rascheren Lieferung von brauchbaren Resultaten führt
(eine Erörterung der übereilten Markteinführung findet sich in
DeMarco und Listers
[DL]. Sie nennen diesen Managementstil
"weckt mich auf, wenns vorbei ist").
Distributoren, auf der anderen Seite, können sich auf jene Dinge
spezialisieren, die Distributoren am besten können. Befreit von der
Notwendigkeit, umfangreiche und niemals endende Softwareprojekte zu
finanzieren, können sich auf die Integration, Qualitätssicherung,
Verpackung und Service konzentrieren.
Durch die ununterbrochene Überwachung und das ununterbrochene Feedback
durch die Benutzer, die ein integraler Bestandteil der Open Source-Methode
sind, werden sowohl die Distributoren als auch die Entwickler zu Ehrlichkeit
angehalten.
Die
Tradegy of the Commons mag auf Open Source- Projekte in der
heutigen Form nicht anwendbar sein. Das bedeutet aber nicht, daß es
keine Gründe gibt, die Nachhaltigkeit des augenblicklichen Drehmoments
der Open Source-Gemeinde in Frage zu stellen. Werden die
Schlüsselfiguren einen Rückzieher machen, sobald mehr auf dem
Spiel steht?
Diese Frage kann man auf mehreren Ebenen stellen. Unsere Gegengeschichte der
"Komödie der Kommune" basiert auf dem Argument, daß der Wert
individueller Beiträge zum Codestamm schwierig zu vergebühren ist.
Dieses Argument hat aber weniger Einfluß auf Firmen (wie etwa
Linux-Distributoren), die durch Open Source bereits Geld verdienen. Dort
wird bereits jeden Tag mit ihren Beiträgen Geld gemacht. Ist ihre
augenblickliche Rolle in der Kooperation stabil?
Die Erörterung dieser Frage führt uns zu einigen interessanten
Einsichten über die Ökonomoie von Open Source-Software, wie sie
sich uns heute tatsächlich präsentiert - und darüber, was ein
wirkliches Dienstleistungsparadigma für die zukünftige
Softwareindustrie impliziert.
Auf der praktischen Ebene wird die Frage üblicherweise auf eine von
zwei Arten gestellt. Die eine lautet: wird sich Linux zersplittern? Die
zweite: wird sich Linux zu einem dominierenden, quasi-monopolistischen
Mitspieler entwickeln?
Die historische Analogie, auf die viele Leute zurückgreifen werden, um
auf eine Fragmentierung von Linux hinzuweisen, ist das Verhalten der
Hersteller von proprietären Unix-Varianten in den 1980ern. Trotz der
endlossen Debatten über offene Standards, trotz der zahlreichen
Allianzen und Konsortien und Abmachungen, zerbröckelte Unix in diverse
proprietäre Varianten. Die Hersteller hatten Sehnsucht nach
Differenzierung ihrer Produkte und versprachen sich Erfüllung dieser
Sehnsucht aus dem Hinzufügen und Verändern von
Betriebssystemmerkmalen. Die Sehnsucht war stärker als das Interesse,
den absoluten Umfang des Unix-Marktes durch Kompatibilität zu erweitern
(was in der Folge zu geringeren Hürden für unabhängige
Software-Entwickler und geringeren Kosten für die Konsumenten
geführt hätte).
Es ist unwahrscheinlich, daß dies auch bei Linux passiert - aus dem
einfachen Grund, daß alle Distributoren die Auflage haben, von einem
gemeinsamen Codestamm aus zu operieren. Differenzierung ist keinem von ihnen
wirklich möglich, da die Lizenzen unter denen Linux entwickelt wird,
das Teilen von Code mit allen Parteien auferlegt. In dem Augenblick, in dem
irgendein Distributor ein Leistungsmerkmal entwickelt, steht es allen
Mitbewerbern auch zur Verfügung.
Da das von allen Beteiligten verstanden wird, denkt niemand über
Manöver auch nur nach, die zur Fragmentierung von proprieritären
Unixen führten. Stattdessen sind Linux-Distributoren gezwungen, auf
eine Art miteinander zu konkurrieren, die für die Konsumenten
nützlich ist, das heißt in der Arena von Service,
Betreuung und der Güte ihrer Entscheidungen darüber, wie die
Schnittstellen für leichte Installation und Verwendung auszusehen
haben.
Der gemeinsame Codestamm schließt auch die Möglichkeit von
Monopolisierung von vornherein aus. Wenn sich Linux-Leute darüber
Sorgen machen, wird in der Regel der Name "Red Hat" gemurmelt - des
größten und erfolgreichsten Distributor (mit ca. 90 Prozent
Marktanteil in den USA). Beachtenswert ist aber, daß innerhalb von
Tagen nach Red Hats 6.0-Release im Mai 1999 - noch bevor Red Hats CD-ROMs in
Stückzahlen ausgeliefert wurde - CD-ROM-Images von Red Hats eigener
FTP-Site von Verlegern und mehreren anderen CD-ROM-Distributoren angeboten
wurden, und das unter dem von Red Hat erwarteten Listenpreis.
Red Hat selbst war das gleichgültig, denn ihren Gründern ist
völlig klar, daß sie die Bits ihres Produktes nicht besitzen und
nicht besitzen können; die soziale Norm der Linux-Gemeinde verbietet
das. In einer neueren Auflage von John Gilmores berühmter Beobachtung,
daß das Internet Zensur als schädlich interpretiert und Wege
darum herum findet, wurde richtig gesagt, daß die für Linux
verantwortliche Hackergemeinde Versuche, die Kontrolle an sich zu
reißen, als schädlich interpretiert und Wege darum herum findet.
Für Red Hat hätten Proteste gegen das Cloning ihres neuesten
Produkts die Möglichkeit aufs Spiel gesetzt, auch in Zukunft mit der
Entwicklergemeinde zu kooperieren.
Im Augenblick am wichtigsten ist aber vielleicht, daß es juristisch
verbindliche Software-Lizenzen gibt, die es Red Hat ausdrücklich
verbieten, den Quellcode zu monopolisieren, der die Grundlage ihrer Produkte
ist. Das einzige, das sie verkaufen dürfen ist eine
Service/Support-Beziehung mit den Leuten, die freiwillig bereit sind,
dafür zu bezahlen. In so einem Kontext ist ein Raubritter- Monopol
keine ernsthafte Bedrohung.
Die Infusion von bedeutenden Mitteln in die Open Source-Welt hat noch eine
weitere Auswirkung. Die Stars der Gemeinde finden gerade heraus, daß
sie für das bezahlt werden können, was sie gerne machen und nicht
mehr darauf angewiesen sind , ihre Projekte als Hobby zu betreiben, das
durch ein anderes Tagesgeschäft finanziert werden muß. Firmen wie
Red Hat, O'Reilly & Associates und VA Linux Systems bauen gerade eigene,
unabhängige Forschungsabteilungen auf, die ausdrücklich dafür
ausgelegt sind, Open Source-Kreative zu beschäftigen.
Wirtschaftlich gesehen macht das nur dann Sinn, wenn die Kosten pro Kopf
eines solchen Software-Labors aus den erwarteten Gewinnen aus einen
schneller wachsenden Markt leicht bezahlt werden können. O'Reilly kann
es sich leisten, die treibende Kraft hinter Perl und Apache für ihre
Arbeit zu bezahlen, weil sie für ihren Aufwand erwarten können,
mehr Bücher über Perl und Apache zu verkaufen. VA Linux Systems
kann sein Labor finanzieren, da Linux den Gebrauchswert ihrer Workstations
und Server erhöht. Und Red Hat kann die Red Hat Advanced Development
Labs unterhalten, um den Wert seiner Linux- Angebote zu steigern und mehr
Kunden anzulocken.
Für Strategen aus traditionellen Sektoren der Software-Industrie, die
Patente oder Geschäftsgeheimnisse als die Kronjuwelen ihrer Firmen
ansehen, mag dieses Verhalten (trotz der erwirkten Erweiterung des Marktes)
rätselhaft sein. Warum soll man Forschung und Entwicklung finzanzieren,
die dann ex definitione von jedem Mitbewerber gratis verwendet werden kann?
Es gibt hier augenscheinlich zwei steuernde Ursachen. Die eine ist,
daß, solange diese Firmen dominierende Spieler in ihren jeweiligen
Märkten sind, sie erwarten können, einen gerechten Anteil am Markt
zu gewinnen, der zum Anteil an ihren Aufwendungen für F&E
proportional ist. Und Forschung und Entwicklung für den Erwerb
zukünftiger Profite zu verwenden, ist sicher keine neue Idee. Neu ist
aber der Gedanke, daß die zukünftigen Gewinne groß genug
sind, um Trittbrettfahrer tolerieren zu können.
Während diese offensichtliche Analyse des erwarteten Werts für
die Welt bodenständiger Investoren notwendig ist, kann es nicht
erklären, warum ausgerechnet die Stars angeheuert werden. Die
betreffenden Firmen geben hier eine andere, weniger klar umrissene
Erklärung. Wenn man sie danach fragt, geben sie an, daß es nach
den Maßstäben der Gemeinde einfach das naheliegendste und fairste
ist. Der Autor selbst ist mit den führenden Entwicklern in allen drei
zitierten Firmen ausreichend bekannt und kann bestätigen, daß
dies nicht einfach als Humbug abgetan werden kann. Tatsächlich wurde
ich Ende 1998 persönlich in den Vorstand von VA Linux Systems
eingeladen, so daß ich verfügbar wäre, um sie darüber
zu beraten, was denn das "naheliegendste und fairste" wäre, und meine
Ratschläge wurden auch ernst genommen.
Ein Betriebswirt hat das Recht zu fragen, welche Rentabilitäten es hier
gibt. Wenn wir akzeptieren, daß der Hinweis auf Fairness keine leere
Pose ist, dann sollte unsere nächste Frage lauten, welchem Eigennutz
der Firmen diese Fairness dient. Die Antwort ist weder überraschend
noch schwer zu beweisen, wenn man die Frage richtig stellt. Wie bei anderem
augenscheinlich altruistischem Verhalten in anderen Industrien wird hier
einfach Sympathie (Good Will) eingekauft.
Für diesen "guten Willen" etwas zu leisten und ihn als Guthaben zu
sehen, das zukünftiges Wachstum des Marktanteils fördert, ist
ebenfalls kaum eine neue Idee. Interessant ist aber, daß ihn die
zitierten Firmen extrem hoch bewerten. Offensichtlich sind sie bereit, teure
Talente für Projekte einzustellen, die keine unmittelbaren Gewinne
abwerfen, und das während der kapitalhungrigsten Phase - ihres
Börsenganges. Bisher wenigstens hat der Markt dieses Verhalten
tatsächlich belohnt.
Die Manager dieser Firmen selbst sind sich über die Gründe und den
Wert von Good Will voll im Klaren. Sie verlassen sich auf die Freiwilligen
unter ihren Kunden, sowohl bei der Weiterentwicklung der Produkte als auch
beim informellen Marketing. Diese Beziehung mit ihren Kunden ist eine sehr
innige und basiert oft auf persönlichem Vertrauen zwischen Individuen
innerhalb und außerhalb der Firma.
Diese Beobachtungen bestätigen die Einsichten, die wir schon vorher
durch eine andere Linie unserer Überlegungen erhalten haben. Die
Beziehung zwischen Red Hat/VA/O'Reilly und ihren Kunden und Entwicklern ist
nicht eine für Güter produziernde Firma typische. Stattdessen
zeigt sie ein interessantes Extrem einer Charakteristik, wie wir sie von
Wissens-intensiven Dienstleistungsindustrien gewohnt sind. Außzerhalb
der Technologiewirtschaft können wir diese Muster beispielsweise bei
Anwaltskanzleien, Arztpraktiken oder Universitäten beobachten.
Tatsächlich können wir sehen, daß Open Source-Firmen
Hackerstars aus genau den selben Gründen beschäftigen, aus dem
Universitäten Star-Akademiker anheuern. In beiden Fällen ist die
Praktik der einer aristokratischen Patronage ähnlich, die den
größten Teil der schönen Künste bis kurz nach der
industriellen Revolution unterhalten hat - eine Ähnlichkeit, der sich
manche Beobachter durchaus bewußt sind.
Die Marktmechanismen für die Finanzierung (und Amortisation!) von Open
Source-Projekten entwickelt sich noch immer sehr rasch weiter. Die Business
Models, die wir hier untersuchen, werden wahrscheinlich nicht das letzte
Wort zu diesem Thema sein. Investoren sind gerade noch dabei, über die
Konsequenzen einer Neuerfindung des Softwaregeschäfts nachzudenken und
konzentrieren jetzt sich dabei auf die Services anstatt auf das weggesperrte
geistige Eigentum. Das wird sich für die absehbare nächste Zeit
auch nicht ändern.
Diese Revolution bei den Konzepten wird einige Kosten für jene Leute
verursachen, die im Augenblick in den Warenwert der betreffenden 5 Prozent
der Softwareindustrie investieren. Historisch betrachtet, ist der
Dienstleistungssektor nicht so lukrativ wie die Herstellung von Gütern
(obwohl ihnen jeder Arzt oder Anwalt bestätigen kann, daß die
Ausübenden oft höhere Spannen haben). Versäumte Gewinne aber
werden durch den Nutzen auf der Kostenseite mehr als wettgemacht werden -
die Konsumenten kommen in den Genuß gewaltiger Kosteneffektivität
bei Open Source-Produkten (es gibt hier übrigens eine Parallele: der
Ersatz des traditionellen Telephonnetzwerks durch das Internet).
Die Aussicht auf diese Kosteneffektivität erzeugt eine Chance, auf
deren Nutzung sich Unternehmer und Venture-Kapitalisten gerade vorbereiten.
Als der erste Entwurf dieses Dokuments in Arbeit war, sicherte sich Silicon
Valleys prestigeträchtigste Venture Capital-Firma den Hauptanteil am
ersten Startup-Unternehmen, das auf technische Unterstützung der
Linux-Plattform spezialisiert ist. Die allgemeine Erwartung ist, daß
es noch vor Ende 1999 mehrere Linux- und Open Source-basierte
Börsengänge geben wird - und daß sie alle ganz erfolgreich
sein werden.
Eine andere sehr interessante Entwicklung ist der Beginn von systematischen
Versuchen,
Task Markets bei Open Source-Projekten zu finden.
SourceXchange und
CoSource sind zwei von einander leicht
verschiedene Wege, das Modell einer umgekehrten Auktion zur Finanzierung von
Open Source-Projekten anzuwenden.
Die übergeordneten Trends sind klar erkennbar. Wir haben IDCs
Hochrechnung schon erwähnt, die angibt, daß Linux bis 2003
schneller wachsen wird als alle anderen Betriebssysteme
zusammen.
Apache liegt bei 61 Prozent Marktanteil und expandiert ununterbrochen
weiter. Die Verbreitung des Internet explodiert, und Erhebungen wie der
Internet Operating System Counter zeigen, daß Linux und andere Open
Source- Betriebssysteme bei Internet-Servern bereits in Führung liegen
und ständig gegenüber Closed Source-Systemen gewinnen. Der Druck
zur Nutzung von Open Source-Internet-Infrastruktur wirkt sich zunehmend
nicht nur auf das Design anderer Software aus, sondern auch auf
Geschäftspraktiken und Kaufverhalten bei Software. Diese Trends
scheinen sich noch weiter zu beschleunigen.
Wie wird die Welt der Software aussehen, wenn der Übergang zu Open
Source erst abgeschlossen ist?
Um diese Frage zu untersuchen, ist es hilfreich, Software im Allgemeinen
zunächst einmal nach dem Grad der Vollständigkeit einzuteilen, in
dem ihre jeweils angebotenen Services nach offenen technischen Standards
beschrieben werden können. Dieser Grad der Vollständigkeit steht
in engem Zusammenhang damit, wie sehr diese Services "commoditized" sind,
d.h. wie in welchem Maß es sich um ganz grundlegende Dienste handelt,
deren Implementation allgemein zugänglich ist und gut auf sehr viele
Programmierer aufgeteilt werden kann.
Diese Achse entspricht auch sehr genau den üblichen Vorstellungen von
"Applikationen" (die im Augenblick überhaupt nicht "commoditized" im
Sinne von "offen" und "standardisiert" sind), "Infrastruktur" (grundlegende
Dienste, verbindliche und verbreitete Standards), und "Middleware"
(teilweise commoditized, effektive, aber unvollständige Standards). Die
einzelnen Paradigmata dafür wären heute (1999): Textprozessor (als
typischstes Beispiel für eine Applikation), TCP/IP-stack (als
typischstes Beispiel für technische Infrastruktur) und
Datenbankmaschine (als typischstes Beispiel für Middleware).
Die weiter oben durchgeführte Rentabilitätsanalyse legt nahe,
daß Infrastruktur, Applikationen und Middleware auf verschiedene Art
transformiert werden können und jeweils eine unterschiedliche ideale
Balance an Open Source und Closed Source haben. Wir erinnern daran,
daß unsere Erkenntnis auch darin besteht, daß der Grad an
Offenheit des Quellcodes in einem bestimmten Softwarebereich davon
abhängt, wie stark die wirkenden Netzwerkeffekte sind, wie hoch die
Kosten eines Ausfalls sind und in welchem Maße das Unternehmen von
Software abhängig ist.
Nun können wir einige Vorhersagen wagen, vorausgesetzt, daß wir
diese Erkenntnisse nicht auf individuelle Produkte, sondern auf ganze
Segmente des Software-Marktes anwenden:
Infrastruktur ( Internet, World Wide Web, Betriebssysteme und die unteren
Schichten von Kommunikationssoftware, die keine Überschneidungen mit
konkurrienden Herstellern haben) wird fast vollständig Open Source
sein, von Benutzerkonsortien gepflegt werden und von gewinnorientierten
Dienstleistungsunternehmen (wie heute beispielsweise Red Hat) vertrieben und
betreut werden.
Applikationen, auf der anderen Seite, haben die höchste Tendenz,
weiterhin nicht-öffentlich entwickelt zu werden. Unter Umständen,
unter denen der Gebrauchswert von nicht-öffentlichen Algorithmen oder
Technologien hoch genug ist (und die Kosten für mangelnde
Ausfallsicherheit gering und das Risiko eines Herstellermonopols tolerierbar
sind) werden die Konsumenten weiterhin für geschlossene Software
bezahlen. Das gilt besonders für in sich abgeschlossene, vertikale
Anwendungen, bei denen Netzwerkeffekte nur schwach ausgeprägt sind.
Unser früheres Beispiel vom Verschnittoptimierer für
Sägewerke ist eine solche Anwendung; biometrische Identifikation sieht
aus der Perspektive von 1999 nach einer weiteren aus.
Middleware ( Datenbanken, Entwicklungswerkzeuge oder die Anwendungsschichten
von Protokoll-Architekturen) werden nicht so einheitlich abgegrenzt sein. Ob
Kategorien für Middleware offener oder geschlossener sind, hängt
von den Kosten für Ausfälle ab, was Marktdruck in Richtung mehr
Offenheit erzeugt.
Um das Bild zu vervollständigen müssen wir aber beachten,
daß weder "Applikationen" noch "Middleware" tatsächlich stabile
Kategorien sind. In "Wann man seinen Quellcode aus dem Tresor holen sollte"
haben wir gesehen, daß bestimmte Softwarekategorien einen eigenen
Lebenszyklus zu haben scheinen, der von "natuerlich geschlossen" zu
"natuerlich offen" geht. Die selbe Logik gilt auch für das Gesamtbild.
Applikationen rücken nach und nach auf das Feld der Middleware, wenn
sich Standards entwickeln und Teile der Dienste zu grundlegenden Aspekten
(also einer "Commodity") werden. Datenbanken, zum Beispiel, wurden
Middleware, nachdem SQL die Frontends von der Datenbankmaschine entkoppelte.
Wenn Middleware-Services eine Commodity werden, geht der Trend mehr und mehr
in Richtung Open Source - was wir bei Betriebssystemen gerade beobachten
können.
Für eine Zukunft, die Konkurrenz durch Open Source beinhaltet,
können wir daher erwarten, daß das letztendliche Schicksal jeder
Software sein wird, entweder zu sterben oder Teil der Infrastruktur zu
werden. Während das kaum gute Nachrichten für die Unternehmer
sind, die am liebsten eine ewige Leibrente für eingekapselte Software
erhalten würden, zeigt es doch, daß die Software-Industrie im
Ganzen gewinnorientiert
bleiben; wird, was immer neue Nischen am
oberen (d.h. Applikations-) Ende erzeugt und Herstellern nur so lange
Monopole gewährleistet, wie ihre Produkte noch nicht Teil der
Infrastruktur sind.
Schließlich wird es natürlich so sein, daß dieses
Gleichgewicht für den Konsumenten von Software nur Vorteile hat. Mehr
und mehr qualitativ hochwertige Software wird permanent verfügbar und
beliebig anzupassen sein, statt irgendwann einmal eingestellt oder in
irgendeinem Tresor weggesperrt zu bleiben. Ceridwens verzauberter Kessel ist
dafür eigentlich ein zu schwaches Gleichnis - denn während
Essbares verzehrt oder schlecht wird, hat Quellcode das Potential für
ewiges Leben. Der freie Markt, im weitesten Sinne jeglicher freiwilligen
Aktivität am Markt, der ja zwischen Handel und Verschenken keinen
Unterschied macht, kann unentwegt steigenden Wohlstand an Software
hervorbringen, und das für uns alle.
[CatB]
"Die Kathedrale und der Bazar"
(www.catb.org/~esr/writings/cathedral-bazaar/cathedral-bazaar/)
Die deutsche Version
(/www.phone-soft.com/RaymondCathedralBazaar/catb_g.0.html)
Auf unserem Server
[HtN]
"Homesteading the Noosphere"
(www.catb.org/%7Eesr/writings/homesteading/homesteading/)
Die deutsche Version
(www.phone-soft.com/raymondhomesteading/htn_g.0.html)
[DL]
De Marco and Lister, Peopleware: Productive Projects and Teams
(New York; Dorset House, 1987; ISBN 0-932633-05-6)
[SH]
Shawn Hargreaves hat eine gute Analyse der Anwendbarkeit von Open
Source-Methoden auf Computerspiele verfaßt;
Playing the Open Source
Game
Einige stimulierende Diskussionen mit David D. Friedman haben mir geholfen,
das Modell der "am Kopf stehenden Kommune" der Open Source-Kooperation zu
verfeinern. Ich stehe auch in der Schuld von Marshall van Alstyne, der auf
die konzeptionelle Wichtigkeit von rivalisierenden Informationsgütern
hingewiesen hat. Ray Ontko von der Indiana Group steuerte wertvolle Kritik
bei. Erfreulich viele Leute im Publikum meiner Vorträge in der ersten
Jahreshälfte 1999 haben auch einiges beigetragen; wenn Sie einer von
ihnen sind, wissen Sie es.
Auch ist es ein weiteres Zeugnis für den Wert des Open Source- Modells,
daß dieses Dokument durch Rückmeldungen per e-mail viel gewonnen
hat, die ich innerhalb von wenigen Tagen nach der Veröffentlichung
erhielt. Lloyd Wood wies auf die Wichtigkeit hin, daß Open
Source-Software "zukunftssicher" ist. Doug Dante erinnerte mich an das "Free
the Future"-Business Model. Eine Frage von Adam Moorhouse führte zu der
Diskussion der Vorzüge des Ausschlusses der Öffentlichkeit. Lionel
Oliviera Gresse verhalf mir zu einem besseren Namen für eines der
Business Models. Stephen Turnbull reizte mich wegen der zu
oberflächlichen Behandlung der Trittbrettfahrereffekte bis zum
Wahnsinn.
Hersteller von Peripheriegeräten (Ethernet-Karten, Diskcontrollers,
Videokarten und ähnlichem) sind traditionellerweise sehr zögerlich
beim Öffnen ihrer Software. Das ändert sich aber gerade; Firmen
wie Adaptec und Cyclades haben begonnen, die Spezifikationen und
Treiberquellcode für ihre Karten zu veröffentlichen. Trotzdem gibt
es noch Widerstand. In diesem Anhang versuchen wir, einige der
wirtschaftlichen Irrtümer zu zerlegen, die ihn hervorrufen und
fördern.
Als Hardwarehersteller fürchtet man vielleicht, daß eine
Veröffentlichung des Quellcodes wichtige Details über die eigene
Hardware enthüllen könnte, die dann von Mitbewerbern plagiiert
werden und ihnen so einen unfairen Wettbewerbsvorteil verschaffen.
Früher, in den Tagen der drei bis fünf Jahre dauernden
Produktzyklen, war das ein gültiger Einwand. Heute aber wäre die
Zeit, die Ingenieure der Konkurrenz für ein solches Ausbaldowern
aufbringen müßten, ein so großer Anteil an der Lebensdauer
des Produkts, daß sie dann nicht für eigene innovative und
vorteilhafte Entwicklungen verwenden könnten. Zu plagiieren wäre
ein so großer Fehler Ihres Mitbewerbers, daß Sie sich gar nichts
besseres wünschen können.
Auf jeden Fall ist es so, daß technische Details heute nicht lange
verborgen bleiben. Gerätetreiber sind nicht wie Betriebssysteme oder
Anwendungen. Sie sind klein, leicht zu disassemblieren und leicht zu clonen.
Sogar Anfänger im Teenager-Alter können das - und tun es oft auch.
Es gibt buchstäblich tausende von Linux- und FreeBSD- Programmierern,
die sowohl die Fähigikeit als auch die Motivation haben,
Gerätetreiber für eine neue Karte zu schreiben. Für viele
Klassen von Geräten, die eine relativ simple Schnittstelle haben und
wohlbekannten Standards entsprechen (wie Disk Controllers und
Netzwerkkarten) können diese fleißigen Hacker Treiberprototypen
so rasch erzeugen wie Ihre eigene Entwicklungsabteilung; sie brauchen nicht
einmal Dokumentation oder einen schon bestehenden Treiber.
Sogar für kniffelige Geräte wie Videokarten gibt es nicht viel,
was Sie gegen einen cleveren Programmierer tun können, der über
einen Disassembler verfügt. Die Kosten sind gering und der gesetzliche
Schutz porös - Linux ist eine internationale Angelenheit und gibt es
immer einen Ort auf der Welt, in dem so ein Abkupfern legal ist.
Für den überzeugenden Beweis, daß diese Behauptungen wahr
sind, untersuchen Sie die Liste von Geräten, die vom Linuxkernel
unterstützt werden oder sehen Sie sich die Treiber- Unterverzeichnisse
auf Websites wie
Metalab;
an. Beachten Sie auch die Rate, mit der neue hinzukommen.
Was lernen wir daraus? Die Details der Implementation Ihres Treibers
geheimzuhalten sieht augenscheinlich attraktiv aus, ist aber wahrscheinlich
eine kurzsichtige Strategie (sicher gilt das, wenn Ihre Mitbewerber ihren
Quellcode bereits veröffentlicht haben). Wenn Sie sich aber schon
bedeckt halten müssen, brennen Sie den Code in ein ROM auf der Karte
und veröffentlichen Sie die Schnittstellen. Öffnen Sie den Zugang
zu den Details so weit wie möglich und zeigen Sie potentiellen Kunden,
daß Sie an Ihre Fähigkeit glauben, die Konkurrenz dort zu
übertreffen, wo es darauf ankommt: Ideen und Innovation.
Wenn Sie sich ganz bedeckt halten, bekommen Sie das schlechteste aller
Welten - Ihre Geheimnisse werden schließlich ergründet werden,
Gratis-Entwicklungen werden an Ihnen vorbeigegangen sein und Sie werden
nicht in den Genuß kommen, daß dümmere Mitbewerber
versuchen, Ihr Produkt zu clonen. Am wichtigsten aber ist, daß Sie die
Auffahrt zu weiter Verbreitung durch frühe Akzeptanz des Marktes
verpassen. Ein großer und einflußreicher Markt (bestehend aus
den Betreibern jener Server, die das Internet in Schwung halten und mehr als
17 Prozent aller Rechenzentren im geschäftlichen Bereich) wird Ihre
Firma richtigerweise als ahnungslos und übervorsichtig abschreiben, da
Sie diese Fakten nicht erkennen. Dann werden Sie ihre Karten von jemanden
Kaufen, der klüger ist.
Diese Übersetzung basiert auf der Revision $Revision: 1.14 $
Versionen, die hier nicht aufscheinen, sind geringfügige Korrekturen
von Tippfehlern.
20. Mai 1999, version 1.1 -- Entwurf
18. Jun 1999, version 1.2 -- erste private Version zur Kritik "im kleinen
Kreis"
24. Jun 1999 version 1.5 -- erste Veröfentlichung
24. Jun 1999 version 1.6 -- geringfügiges Update, Definition des
Begriffs 'Hacker'
24. Jun 1999 version 1.7 -- geringfügiges Update, Klarstellung des
Kriteriums (e).
24. Jun 1999 version 1.9 -- "zukunftssicherheit", "Zukunft
verschenken"-Modell und ein neuer Abschnitt über die Vorteile des
Ausschlusses der Öffentlichkeit
24. Jun 1999 version 1.10 -- besserer Name für das
"Rasierklingenmodell"
25. Jun 1999 version 1.13 -- Korrektur der 13%-Behauptung über
Netscapes Erträge; verbesserte Behandlung der "Trittbrettfahrereffekte"
Korrektur der Liste der geschlossenen Protokolle.
25. Jun 1999 version 1.14 -- Hinzufügen von e-smith, inc.
9. Jul 1999, Version 1.15 --- neuer Anhang über Hardware-
Gerätetreiber und eine bessere Erklärung rivalisierender
Güter nach Rich Morin.
Ergänzende Hinweise bitte an:
Hans-Josef Heck - hjh"@antispam at"mail.fsub.de